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Ohne Restauratorinnen und Restauratoren ließen sich Kunst und kulturelles Erbe nicht bewahren. Auch für Grisebach ist ihre Arbeit unverzichtbar. Der Beruf bewegt sich zwischen Wissenschaft und Handwerk, verlangt hohe fachliche Expertise ebenso wie größte Präzision. Vor allem aber lebt er von der tiefen Wertschätzung für jedes einzelne Werk. Vier Porträts.

Thomas Lucker – Restaurator für Skulpturen und Bildhauer

Thomas Lucker ist kein Grübler. Eher einer, der mutig anpackt – und zuweilen auch kontroverse Entscheidungen trifft. Zum Beispiel 2010, als er empfahl, die verwitterte Beton-Kopie des Berliner Goethe-Denkmals zu entsorgen und stattdessen das Original aus Carrara-Marmor wieder im Tiergarten aufzustellen. „Da ging schon ein Raunen durch die Zunft", sagt er. Es gab Bedenken, der Marmor könnte Wind und Wetter nicht standhalten. Bis heute zumindest tut er es. Lucker fällt solche Entscheidungen nicht aus Hochmut oder Ignoranz, sondern auf Basis sorgfältiger Materialanalysen und jahrzehntelanger Erfahrung. Seit über 40 Jahren arbeitet er in seinem Beruf. Am einzelnen Objekt, als „Arzt für Artefakte", wie er sagt, etwa für Grisebach, oder als Planer komplexer Restaurierungsvorhaben. Aktuell ist er verantwortlich für Tausende Exponate, die nach der Sanierung des Römisch-Germanischen Museums Köln in einer neuen Ausstellung gezeigt werden. Zudem gestaltet er die Neupräsentation altägyptischer Monumentalarchitektur im noch zu errichtenden vierten Flügel des Berliner Pergamonmuseums.

Aufgewachsen ist Lucker in einer weltoffenen, aber wenig kulturaffinen Familie. Einen Großteil seiner Kindheit verbrachte er auf einem Schiff, der Vater war Kapitän. Lucker genoss das, noch mehr aber genoss er es, mit Freunden die „Odyssee" nachzuspielen. Er wollte damals Archäologe werden, später Bildhauer. Nach einer Lehre als Steinmetz studierte er Kunst. Bis heute arbeitet er sowohl als freier Bildhauer wie auch als Restaurator. Als solcher sucht er nach pragmatischen Lösungen. Am Ende sei alles eine Risikoabwägung, wie beim Goethe-Denkmal, meint Lucker. Man müsse akzeptieren: „Der Mensch ist vergänglich, und sein Werk ist es auch." Natürlich tut Lucker alles, um wertvolle Objekte zu schützen – und verwahrt sich auch nicht per se gegen die Aufstellung von Kopien anstelle von Originalen. „Wenn man Kunstwerke aber aus zu großer Vorsicht im Depot wegsperrt, dann ist es, als würden sie nicht existieren!"

Felizitas zur Lippe – Gemälderestauratorin mit Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert

Bevor Felizitas zur Lippe eingreift, schaut sie erst einmal sehr genau hin. „Man muss mit dem Bild aufs Du kommen", sagt sie. Die Diplomrestauratorin will verstehen: Was macht ein Werk aus, was hat es im Laufe der Zeit erlebt? Mit Forschergeist und feinem Spürsinn untersucht sie Rahmen, Leinwand und Malschichten. So offenbart sich ihr vieles, was der Laie nicht sieht. Eine Künstlersignatur etwa „verrät unter der Lupe durch winzige Craquelé-Risse ihr wahres Alter" – und kann sich womöglich als nachträgliche Hinzufügung entpuppen. Etiketten, Inventarnummern oder Stempel liefern weitere Hinweise auf die Geschichte eines Werks. Erst wenn sie alle verfügbaren Puzzleteile zusammengesetzt hat, entscheidet Felizitas zur Lippe, was zu tun ist, wie die Originalsubstanz eines Gemäldes mit möglichst minimalem Eingriff gesichert werden kann.

Seit 25 Jahren widmet sie sich ihrem Beruf. Neben Grisebach, wo sie als Expertin im Bereich der klassischen Moderne und des 19. Jahrhunderts gefragt ist, arbeitet sie als Restauratorin für alle Epochen mit privaten Sammlungen, Museen oder Versicherungen zusammen. Die Liebe zur Kunst begleitet sie schon seit ihrer Kindheit. Zusammen mit ihrer Großmutter streifte sie durch Museen, ein Praktikum führte sie zur Restaurierung. Sie beließ es daraufhin aber nicht beim Studium zur Diplomrestauratorin, sondern machte auch noch einen Magister in Kunstgeschichte. Was sie an ihrem Beruf fasziniert, ist die „hochkomplexe Herausforderung, Werke in ihrer materiellen, historischen und kunstwissenschaftlichen Gesamtheit" zu erfassen und zu bewahren.

Das Ergebnis ihrer Arbeit ist nicht laut. Es zeigt sich weniger in einem plakativen Vorher-nachher-Effekt als vielmehr in einer zarten optischen Wandlung. Mit großer Wirkung: Der Blick des Betrachters wird frei. Er bleibt nicht hängen, richtet sich nicht auf Schmutz oder Fehlstellen, sondern auf das, worum es geht: auf das Werk selbst und seine wiederhergestellte Ausdruckskraft.

Stefanie Schulze Buschhoff – Papierrestauratorin

Sie war in der elften Klasse, da besuchte Stefanie Schulze Buschhoff den Dom in ihrer Heimatstadt Münster. Eine Kapelle war eingerüstet, und auf dem Gerüst stand ein Mann, der mit feinem Pinsel einen Sternenhimmel ausbesserte. Die beiden kamen ins Gespräch, und sie erfuhr: Der Mann war Restaurator. Da war für sie klar, „das wollte ich auch machen". Die konzentrierte, handwerkliche Arbeit faszinierte sie, und in der späteren Ausbildung verlor sie ihr Herz ans Papier. Seit 30 Jahren arbeitet Schulze Buschhoff nun in ihrem Beruf. Und fast genauso lange für Grisebach.

Wir besuchen sie auf dem Land bei Berlin, wo sie lebt und arbeitet. Im Garten scheint die Sonne, auf einer Wiese dahinter weiden Pferde, von irgendwo ruft ein Pfau. Ihre Werkstatt ist hell und geräumig. Die meisten Arbeiten, die hier auf dem Tisch landen, stammen aus dem 20. Jahrhundert. Gerade liegen Grafiken von Chagall und Lyonel Feininger bereit. Zarte Risse müssen geschlossen, kleine Knicke geglättet werden. Bei den Knicken müsse sie aufpassen, dass das Blatt am Ende nicht platt sei „wie eine Flunder". Wie viel sie an einem Werk mache, hänge zwar immer vom Kunden ab und davon, was er „weggucken" könne. Für Schulze Buschhoff gilt jedoch, wie für fast alle Kolleginnen und Kollegen heute: weniger ist mehr, eher konservieren als restaurieren. „Die besten Restauratoren sind die, die ihre Hände in den Schoß legen", habe ihr Ausbilder immer gesagt. Schulze Buschhoff arbeitet für private Sammler und Stiftungen, in der Selbstständigkeit fühlt sie sich am wohlsten. Eine Stelle am Museum sei zwar reizvoll, sagt sie lachend, „aber da muss man für jeden Bleistift drei Anträge stellen. Das ist nichts für mich."

Kunst besitzen muss Schulze Buschhoff nicht. Sie ist dankbar, tollen Werken zu begegnen, kann sie aber ebenso gut wieder ziehen lassen. Entscheidend sei, ihnen das mitzugeben, was sie brauchten: einen „Rucksack für die Zukunft".

Katharina Martinelli – Restauratorin für zeitgenössische Kunst

In Katharina Martinellis Berliner Atelier geht es bunt und herzlich zu. Die Diplom-Restauratorin arbeitet hier im engen Austausch mit Universitäten und bewusst im Team. Zu dem gehören eine Studiomanagerin sowie Isa von Lenthe, die als studierte Restauratorin den Erfolg des Unternehmens mitträgt. „Roeck Restaurierung" widmet sich neben klassischen Gemälden hauptsächlich der zeitgenössischen Kunst – und die hält stets neue Herausforderungen bereit.

Man brauche ein Netzwerk von Experten aller Fachbereiche, mit denen man sich austauschen könne, sagt Martinelli. Das Studium vermittle zwar ein solides Fundament, bereite aber nicht auf jeden Einzelfall vor. Die Materialvielfalt ist enorm, sie reicht von Latex über Eierschalen und Kaviar bis hin zu Polyurethanschaum. Entsprechend ungewöhnlich fallen manchmal die Lösungen aus. So half bei einem Kratzer in einem Acrylglas-Werk schon mal eine Werkstatt für Autopolituren mit ihrem Know-how. Auch Künstlerinnen und Künstler suchen Martinellis Rat. Sie unterstützt bei der Materialwahl für neue Arbeiten und bedenkt deren Alterung. „Langweilig wird mir in diesem Job einfach nie."

Prägend war für Martinelli ihre Zeit in New York, als sie nach dem Studium für Restaurator Christian Scheidemann arbeitete, eine Koryphäe in der zeitgenössischen Kunst. Von ihm lernte sie, nicht nur chemische Eigenschaften eines Materials, sondern auch dessen Bedeutung im Kontext der künstlerischen Intention zu beachten. So bürstet sie manches gegen den Strich: Wäre es nicht in Ordnung, eine Jeff-Koons-Skulptur mit einem Kratzer rundum neu zu lackieren, auch wenn das dem Restauratoren-Ideal vom minimalen Eingriff fundamental widerspricht? Weil Koons sein Werk nun mal so haben will, makellos wie ein frisch ausgepacktes iPhone. Und sollte man Eat Art überhaupt restaurieren, wenn sie doch zum Verzehr bestimmt ist? Kunst muss in Würde altern, findet Martinelli, „auch wenn das bedeutet, manchmal zuzulassen, dass sie einfach verschwindet".

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