Wenn einer in sein vierzigstes Jahr geht, dann stellen sich erste ernste Fragen: Hat man die richtigen Menschen getroffen? Über die wirklich wichtigen Dinge gesprochen? Das Schönste am Himmel gesehen? Wer jetzt kein Instrument spielt, spielt so schnell keines mehr. Wer jetzt kein Spanisch spricht, wird es nur noch schwer lernen. Mit vierzig beginnen sich manche Türen zu schließen. Aber die Fenster zum Rausschauen und Abseilen, die bleiben einem noch.
Die Zahl 40
Man träumt nur einmal so sicher
Ein Essay von Simon Strauss
Die Zahl 40
Man träumt nur einmal so sicher
Ein Essay von Simon Strauss
Text: Simon Strauss
Fotos: Julia Zimmermann
Die Zahl 40
Man träumt nur einmal so sicher
Ein Essay von Simon Strauss
Die Zahl 40
Man träumt nur einmal so sicher
Ein Essay von Simon Strauss
Text: Simon Strauss
Fotos: Julia Zimmermann
Hälfte des Lebens: Jetzt beginnen die Jahre zu zählen, aber jetzt sitzt man auch so fest im Leben wie niemals mehr. Jedenfalls wenn die Erinnerung ans Damals mit der Sehnsucht nach dem Jemals einhergeht. Eine Tischrede zum vierzigsten Geburtstag der Villa Grisebach.
Vierzig, das ist keine leichte Zahl. Ihr Gewicht kommt von der kritischen Masse an Erfahrungen und ihrem schwieriger werdenden Verhältnis zu den Erwartungen. Vorher, da war das Alter in erster Linie Einbildung. Da spürte man in Wahrheit keinen großen Unterschied zwischen Ende zwanzig und Mitte dreißig. Aber mit vierzig beginnen die Jahre zu zählen. „Hälfte des Lebens“ – das Gedicht hat Hölderlin mit 33 geschrieben, da war er gerade von seiner Hauslehrertätigkeit in Bordeaux nach Deutschland zurückgekehrt und hatte, von innerer Seelenangst befallen, begonnen, als Bibliothekar zu arbeiten. Das Gedicht setzt einen Trennungsstrich zwischen dem, was war – den „gelben Birnen“, den „wilden Rosen“, den „holden Schwänen“ –, und dem, was kommt: dem „Winter“, dem „Weh“. Die letzte Zeile des Gedichts geht einem besonders nahe: „Die Mauern stehn sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen.“ Keine Hoffnung auf Antwort mehr, alle Worte sind gewechselt, alle Ringe sind getauscht. Der Wind ist das letzte Zeichen des Lebens, es ist ein kalter, ein eisiger Wind, der die Fahnen klirren lässt und gegen die Mauern fährt, sodass sie ganz frostig werden. Damals, da lehnte man doch glücklich an gleicher Stelle, da waren die Steine noch warm von der Mittagssonne, da wehte am Boden der Lavendel, und alles war so, als würde es für immer so bleiben …
Mit vierzig kann man „damals“ sagen, ohne dass es komisch klingt. Denn jetzt gibt es Erinnerungen an ein Früher, das zwanzig, fünfundzwanzig Jahre zurückliegt. Mit der Erinnerung kommt die Traurigkeit, und mit der Traurigkeit kommt die Furcht, die Sorge darum, dass die warmen, die unbeschwerten Jahre vorbei sein könnten. Jetzt, wo so viel entschieden, der Weg so klar eingeschlagen ist: Die großen Reisen und Abenteuer sind gemacht, die ersten Karrieresprünge getan, ein Haus ist gekauft oder eine Wohnung bezogen, vielleicht gibt es Kinder, vielleicht die ersten Versuche, an der Beziehung zu arbeiten, sie zu öffnen, sich zu finden. Vielleicht hat man zum ersten Mal Freunde verloren, sind die Eltern bedürftig geworden, gibt es an der Kochinsel Gespräche über Geld, Erbschaft und Steuern.
Das ist vierzig: nicht nur die Hälfte des Lebens, sondern auch die Last zweier Zeiten. Die Eltern werden alt, die Kinder sind noch klein – von beiden Seiten wird man gebraucht. Wird gezogen. Und dann soll man sich auch noch um seinen eigenen Körper kümmern, der langsam aus der Form geht. Weniger Alkohol trinken. Länger schlafen. Anfangen, die Kilometer zu zählen. Nicht mehr einfach so losrennen, ins Blaue hinein. Immer gibt es jetzt irgendjemanden, der auf irgendetwas von einem wartet. Forderungen. Vorwürfe. Verluste.
Das ist die eine Hälfte. Aber die andere gibt es auch. Mit vierzig kann man sagen: Man hat schon ein Gutteil der Strecke geschafft. Ist nicht gleich am Anfang verzagt stehen geblieben. Kein Frühvollendeter wird man mehr sein. „Live fast, die young“ – die Rock-Parole gilt jetzt nicht mehr. Wer vierzig ist, kann stattdessen rufen: „Macht’s erst mal nach!“ Zwanzig wird man, ohne etwas dafür zu tun. Mit dreißig geht es lustig um Jugendfragen und Zukunftsvorstellungen. Aber die vierzig muss man erringen, die muss man sich erarbeiten, dafür muss man etwas tun. Ob es ein Buch ist, das man geschrieben, Prüfungen, die man bestanden, Eltern, die man gepflegt hat – die Wenigsten werden vierzig, ohne etwas durchgemacht zu haben. Wer vierzig ist, kann mit Recht das erste Mal stolz zurückblicken auf das, was war und was geleistet wurde. Und durch diesen Blick zurück für einen Moment beruhigt sein: Es ist schon was gewesen. Du musst nicht mehr beweisen, wer du bist, was du kannst, wonach du dich sehnst. Vierzig, das heißt: Du bist jemand. Du hast etwas. Du träumst jetzt sicherer.
Bei Dir, liebe Villa Grisebach, ist die Sache klar: Deine vierzig kann nur heißen, dass Du uns noch viel mehr von Deinen Träumen erzählst. Am Anfang, da warst Du noch schüchtern, da hieß Dein Traum: Wiedervereinigung. Da träumtest Du heimlich davon, ein Sehnsuchtsort für Kunst aus ganz Deutschland zu werden. Leise hast Du als Kind davon gesprochen, und dann kam es wirklich so, dann wurde Dein Traum zum Versprechen und aus dem Versprechen wurde Erfüllung – jedenfalls zum Teil. Du hast seit Deiner Kindheit die politischen Abenteuer und Abenteurer vor Deiner Haustür gehabt, hast gesehen, wie Mauern fielen und Kanzler stürzten, hast das Auf und Ab der Wirtschaft erlebt, hast die Gesellschaft sich verändern sehen und mit ihr die Regeln und Routen der Moral. Nicht immer war alles so lebhaft und bunt, wie es jetzt auf den Bildern aussieht. Nicht immer spielte schöne Musik im Hintergrund. Es gab auch manch graue Tage, manch fiebrig durchwachte Nächte. In dieser herrlich heiklen Stadt Berlin.
Aber bei allem war doch das Wichtigste: dass Du gesehen hast, wie die Geschichte durch die Menschen und ihre Kunst lief. Wie viel sich von dem, was Erinnerung heißt, in Farben und Formen zeigt. Über die sich wendenden Zeiten hinweg. Die Menschen, die in den vergangenen vierzig Jahren zu Dir gekommen sind, liebe Villa, die sind im Grunde immer gekommen, weil sie insgeheim hofften, dass Du ihre Geschichten mit in Deine Träume aufnehmen würdest. Und dass Du sie dort sicher bewahrst. Du bist über die Jahre zu einem magischen Ort geworden, liebe Villa, einem Ort, der Menschen anzieht, die ihre Geschichte in Bildern versteckt halten und nur Dir zeigen wollen. Die sich zusammen mit Dir erinnern wollen an das, was war, und davon träumen wollen, was einmal sein wird. Du warst bisher immer ein wenig zu jung dafür, um „damals“ zu sagen. Jetzt kannst Du Dir das langsam leisten. Aber mit dem „damals“ musst Du heute „jemals“ sagen: Wird es jemals so sein, dass die Schönheit regiert? Wird es jemals so sein, dass die Träume der Kunst mehr wert sind als die Taschenspielertricks des Geldes? Wird es jemals so sein, dass Zeit und Freiheit eins werden?
Vierzig. Die Hälfte des Lebens. Zwischen damals und jemals. Ein Kipppunkt. Mit der Schaukel an der höchsten Stelle. Eine bessere Aussicht ist nicht denkbar. Einen stärkeren Zug gibt es nicht. Man sitzt nur einmal so fest im Leben. Man träumt nur einmal so sicher. Man hat nur einmal so viel. Dir, liebe Villa, zum Geburtstag alles Schöne und Gute und Holde.