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Mir ist besonders eine Geschichte im Gedächtnis geblieben: Während der Pandemie mussten die Plätze im Auktionssaal mit mehr Abstand angeordnet und die Sitzreihen entzerrt werden, sodass wir – wie in alten Zeiten vor dem Einzug in die Fasanenstraße 27 – wieder einen mit Monitor und Mikrofon für die Übertragung ausgestatteten Nebensaal in der Villa Grisebach einrichteten, um auch dort Gebote entgegennehmen zu können.

So fanden sich auch im Dezember 2021 im von Martin Schmidt und mir betreuten Nebensaal etliche Kunstliebhaber ein. Ein mittelaltes, unauffälliges Paar hatte schon zu Beginn weiter vorn am Rand Platz genommen. Die Herrschaften kannte ich bisher nicht, sie verfolgten den Verlauf der Versteigerung mit Interesse.

Zum Aufruf kam Los 10, das „Selbstbildnis“ von Otto Dix aus dem Jahr 1913, als der mir unbekannte Herr leise ein Telefongespräch auf seinem Mobiltelefon begann. Das Limit des auf 200.000 bis 300.000 Euro geschätzten Gemäldes war bald erreicht, im Hauptsaal stiegen die Gebote weiter, als auf einmal der unbekannte Kunde seine Bieternummer zeigte. Per Telefon gab ich an den Auktionator im Hauptsaal weiter: „Gebot“.

Der Hauptsaal hielt dagegen – und wieder beteiligte sich auch der Herr bei uns im Nebensaal, der weiterhin leise sein Telefon bediente. Das wiederholte sich etliche Male, bis wir bei einer Million Euro angekommen waren. Und es ging weiter. Nachdem der telefonierende Kunde das Plazet seines Gesprächspartners erhalten hatte, fiel zu unserer und auch zur Überraschung des Hauptsaales bei 1.300.000 Euro der Hammer, und das „Selbstbildnis“ wurde dem telefonierenden Herrn zugeschlagen.

Kurzes Innehalten – das Paar erhob sich von seinen Plätzen und verabschiedete sich mit einem Kopfnicken in Richtung unseres Podiums aus dem Nebensaal. Das war nicht nur ein Höchstpreis für Dix, sondern auch einer der aufregendsten Momente in meiner Grisebach-Zeit.

Dr. Elke Ostländer
Kunsthistorikerin
Seit 1989 bei Grisebach

Camille Pissarro. „Match de Cricket à Bedford Park, Londres“. 1897. 1.517.250 EUR

Im Auktionshaus lernt man ja nicht nur viel über Kunst, sondern auch über die Menschen – manchmal auch über die eigenen Vorurteile oder die Vorurteile der anderen. Den abgerissenen Millionär gibt es tatsächlich, und man hüte sich vor Arroganz oder Dünkel.

Es ist schon einige Jahre her, da stand bei uns ein verunsichertes Ehepaar in der Halle. Es berlinerte stark, und es war ziemlich verzweifelt. Ein geerbtes Bild wollten die beiden zeigen, und bevor sie es auspackten, erzählten sie, dass sie vergeblich versucht hatten, das Bild im Museum begutachten zu lassen. Ein Foto des recht verschmutzten Gemäldes hatten sie per E-Mail an die zuständige Expertin geschickt, sie hatten auch miteinander telefoniert, aber die Dame war sehr abweisend gewesen.

Als das Ehepaar den Namen des Künstlers nannte, der auf dem Foto wegen der Verschmutzung nicht leicht zu lesen war, hatte sie sich geweigert, das Gemälde im Original zu begutachten: „Nein, das kann nicht sein, ich habe für so etwas keine Zeit. Ich höre an Ihrer Stimme, dass das Bild nicht echt ist!“

Mir stockte bei der Erzählung der Atem. Was für ein Satz! Das Bild sah, abgesehen vom Zustand, sehr gut aus. Und wie unsere Recherchen ergaben, war das Gemälde durchaus echt. Es stammte von Camille Pissarro und war 1897 während eines London-Aufenthalts des Künstlers entstanden.

Nachdem wir das impressionistische Bild gereinigt und seine Provenienz geklärt hatten, nahmen wir es in die Auktion. Der Schätzpreis? 250.000 Euro. Das Ergebnis? Knapp 1,3 Millionen Euro Hammer.

Die Einlieferer waren überglücklich. Zwei Wochen nach der Auktion kamen sie wieder zu uns in die Villa – diesmal mit einer Kiste herrlichem Rotwein.

Dr. Markus Krause
Experte Moderne Kunst
Geschäftsführer und Partner
Seit 2002 bei Grisebach

Konrad Lueg. „Bockwürste auf Pappteller“. 1962/63. 437.500 EUR

Anders als umgangssprachlich kann ich den Moment, in dem ich die Abbildung des Gemäldes „Bockwürste auf Pappteller“ im E-Mail-Anhang öffnete, nicht beschreiben: Ich war vollkommen geflasht! Wie cool, wie frech ist das denn?

Den Titel des Gemäldes hätte ich damals nicht nennen können. Stilistisch, mit der Datierung 1962/63 und der rückseitigen Signatur „Lueg“, war eindeutig, dass es sich bei diesem Bild um ein besonderes Zeugnis der deutschen Pop-Art handelt.

Mit der beeindruckenden, lebendigen, reichen Kunstszene im Rheinland der 1960er-Jahre durfte ich mich bereits während meines Studiums in Bonn beschäftigen. Stefan Germer und Margitta Buchert widmeten sich damals in ihren Seminaren der zeitgenössischen Kunst. Dabei hatten beide neben den Museen auch die rheinische Galerienszene im Blick. Fünf Jahre nach der Entstehung unseres Bildes wurde der Kölner Kunstmarkt gegründet.

Seit meinem Studium hat mich diese Zeit nicht mehr losgelassen. Und dann diese Begegnung! Schnell war die besondere Ausstellungsgeschichte des Bildes geklärt. Es hatte nie ein Museum oder eine Galerie von innen gesehen: 1963 war es für wenige Tage in der legendären Ausstellung „Leben mit Pop – eine Demonstration für den Kapitalistischen Realismus“ im Düsseldorfer Möbelhaus Berges zu sehen, 1964 für einen Tag im Rahmen der Präsentation im Vorgarten der Wuppertaler Galerie Parnass. In der daraus resultierenden Ausstellung innerhalb der Galerieräume war es dann nicht mehr präsent, weil Konrad Lueg es zwischenzeitlich verschenkt hatte.

Die „Bockwürste auf Pappteller“ machten Grisebach Lust, das Bild entsprechend poppig zu bewerben. Unser Kreativ- und Presseteam hat einen Clip erschaffen, den ich mir heute noch gern ansehe: Im Wechsel erscheinen das Bild und monochrome Farbtafeln, die den Farben des Werkes entsprechen, auf denen „bunt“, „Leben mit Pop“, „politisch“, „gesellschaftskritisch“ zu lesen ist. Fast könnte ich danach tanzen.

Mit dem Zuschlag in der Auktion haben wir einen bis heute bestehenden Weltrekord für den Künstler erzielt.

Anne Ganteführer-Trier
Expertin Zeitgenössische Kunst
Repräsentantin Nordrhein-Westfalen / Benelux
Seit 2013 bei Grisebach

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