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Bescheidenheit zählt nicht zu den architektonischen Tugenden des Palazzo Pisani Moretta. Der gotische Patrizierpalast am Canal Grande wurde im 18. Jahrhundert mit der ganzen Entschlossenheit des Rokoko ausstaffiert: prunkvolle Kronleuchter (noch heute mit echten Kerzen), intarsierte Marmorböden, theatralische Deckenfresken von Jacopo Guarana und Giovanni Battista Tiepolo – genau das, was Dries Van Noten und sein Partner eigentlich nicht gesucht hatten, als sie nach einem Ort für ihre Stiftung suchten. Doch manche Gebäude lassen einem keine Wahl. „Es wäre ein Frevel gewesen, ihn nicht zu kaufen", sagt Van Noten.

Bei aller Pracht besäßen die Räume etwas erstaunlich Zartes, beinahe Menschliches. Anders als viele venezianische Paläste sei der Palazzo nicht über Jahrhunderte hinweg von einer Epoche nach der anderen überschrieben worden. Seine entscheidende Verwandlung lasse sich vielmehr ziemlich genau auf die 1730er-Jahre datieren. So sei ein Tempel des Savoir-faire entstanden, der trotz allem ausgewogen, beinahe leicht wirke – und den Exponaten tatsächlich Raum lasse. Meistens jedenfalls. Denn bisweilen hat der Palazzo durchaus seine eigenen Vorstellungen davon, wer hier wen zur Geltung bringt.

Der im späten 15. Jahrhundert erbaute Palazzo Pisani Moretta befindet sich im Sestiere San Polo mit Blick auf den Canal Grande und war fast vier Jahrzehnte lang im Besitz eines Zweigs der Patrizierfamilie Pisani

Auch die Räume zeigen Höhepunkte der Handwerkskunst, unter anderem die ornamental gegliederten Terrazzoböden

Nach seinem Rückzug aus der Mode fand Van Noten, es sei an der Zeit, etwas zurückzugeben. Dem Handwerk, oder genauer: der Kunst des Machens, des Schaffens, der menschlichen Geste. Fast vier Jahrzehnte lang hatte er es selbst vorgelebt, nie bloß Kleidung entworfen, sondern körperlich bewohnbare Welten, die Besucher seiner Modenschauen bisweilen zu Tränen rührten. Schlichte Baumwollhemden trafen auf Pailletten und Jacquard, indische Stickereien auf handbemalte Seidenstoffe aus Como, Romantik auf Avantgarde, Strenge auf Rausch. Alles war opulent, aber nie ostentativ.

Noch heute gestaltet Van Noten die Boutiquen der Marke selbst. Jede ist eine kleine Wunderkammer: hier ein van Dyck über einem Kolonialsofa, dort Cocteau neben einem rot lackierten Bridge-Tisch. Die Fondazione sei deshalb kein Bruch mit seiner bisherigen Arbeit, sagt er, sondern deren konsequente Fortsetzung. Verändert habe sich nur der Rahmen. Noch immer gehe es um Neugier, um Respekt vor dem Handwerk und um die Überzeugung, dass das Ganze interessanter ist als die Summe seiner Einzelteile. „Aber alles hat weniger Dringlichkeit. Dafür gibt es mehr Raum, damit sich die Dinge in ihrem eigenen Rhythmus entfalten können. Damit sie weiterwachsen, aufeinander reagieren, überraschen." „The Only True Protest Is Beauty" hat Van Noten die erste Präsentation im Palazzo Pisani Moretta genannt, nach einem Satz des amerikanischen Songwriters und Aktivisten Phil Ochs, eines Zeitgenossen von Bob Dylan. „Er hat mich sofort getroffen", sagt Van Noten. „Nicht, weil darin ein völlig neuer Gedanke steckte, sondern weil er etwas ausdrückte, das ich im Grunde immer schon empfunden hatte. Mir hatten nur die Worte dafür gefehlt."

Im Dialog über die Jahrhunderte: Steven Shearers Fotografie „Whiskered Sentinel“ von 2024 (mit freundlicher Genehmigung des Künstlers sowie der Galerien Eva Presenhuber und David Zwirner) begegnet dem Porträt von Pietro Vettor Pisani eines unbekannten Künstlers aus dem 18. Jahrhundert. Im Vordergrund steht ein Flügel von Julius Blüthner („Grand Piano 36437“, 1893).

Van Noten inszeniert die Ausstellung als assoziativen Parcours ohne eindeutige Erzählung, in dem Harmonie und Dissonanz, Pracht und Vergänglichkeit, Zartheit und Unbehagen einander fortwährend ablösen. Großformatige Fotografien von Steven Shearer bilden die Bühne für Kleider von Christian Lacroix und Rei Kawakubo für Comme des Garçons, die auf den ersten Blick kaum weiter voneinander entfernt sein könnten: hier der historische Überschwang der Couture, Brokat, Volumen, das ganz große Theater; dort Entwürfe, die sich gegen die Vorstellung sperren, überhaupt noch Kleider sein zu müssen. Dazwischen steht ein Entwurf des palästinensischen Designers Ayham Hassan als Erinnerung daran, dass man nicht nur trauern darf, sondern träumen können muss.

Doch die Mode ist hier nur Teil einer weit größeren Erzählung. Mehr als 200 Arbeiten von über 50 Gestalterinnen und Gestaltern verschiedenster Disziplinen hat Van Noten im Palazzo versammelt – wobei er sich für Kategorisierungen nur bedingt interessiert. Entscheidend sei, ob man die Hingabe spüre, die Berufung oder Begabung erkenne, aus der ein Stück entstanden ist. „Die Vorstellung, dass ein Gegenstand, der benutzt oder getragen wird, ein geringeres intellektuelles oder emotionales Gewicht haben soll als einer, der nur betrachtet wird, war mir immer fremd", sagt Van Noten. „Das Wissen und die Sensibilität der Kunsthandwerker, mit denen ich gearbeitet habe, waren nicht weniger tiefgreifend als die der Künstler, die ich bewundere."

Mit seinen aus Karton, ausrangierten Baumaterialien und anderen Fundstücken komponierten Skulpturen setzt der belgische Bildhauer Peter Buggenhout der opulenten Pracht des Palazzo eine bewusst raue Materialität entgegen. „The Blind Leading the Blind #48“ (2012) eröffnet die Ausstellung als monumentale, von Hausstaub überzogene Figur. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Axel Vervoordt Gallery.

Mit seinen aus Karton, ausrangierten Baumaterialien und anderen Fundstücken komponierten Skulpturen setzt der belgische Bildhauer Peter Buggenhout der opulenten Pracht des Palazzo eine bewusst raue Materialität entgegen. „The Blind Leading the Blind #48“ (2012) eröffnet die Ausstellung als monumentale, von Hausstaub überzogene Figur. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Axel Vervoordt Gallery.

Van Noten war immer dafür bekannt, gerade nicht mit dem zu arbeiten, was ihm auf Anhieb gefiel. Er griff zu Farben, die er zunächst selbst nicht schön fand, und zu Möbeln, die er erst lieben lernte, wenn er sie in einen anderen Kontext stellte. „Mich hat schon immer stärker interessiert, was mich anfangs irritiert oder verunsichert. Eine Schönheit, die einem sofort alles preisgibt, ist schnell wieder vergessen. Die Dinge, die man sich erst erschließen und allmählich verstehen muss, bleiben meist länger bei einem.“ Es seien Dinge, die einen zwängen, ein zweites Mal hinzusehen. „Die etwas an der eigenen Wahrnehmung verschieben, ohne einem genau zu erklären, was sich eigentlich verändert hat.“

Die in Murano gefertigten Glasobjekte der japanischen Künstlerin Ritsue Mishima reflektieren Licht, Farbe und Raum und treten in einen Dialog mit der historischen Architektur und den Gemälden des Palazzo

Der Themenraum „Chaos und Ordnung" vereint Familiengeschichte, sakrale Malerei und zeitgenössisches Design: Im Vordergrund Misha Kahns Schreibtisch „An Uncertain Task" (2018), in der Mitte ein Haute-Couture-Ensemble von Christian Lacroix (Herbst/Winter 2001), im Hintergrund das Porträt des Francesco Pisani sowie Paolo Fiammingos „Jakobs Traum".

Kuratiert hat Van Noten die Ausstellung gemeinsam mit dem Belgier Geert Bruloot. Sobald etwa die Hälfte eines Raumes stand, begannen sie, ihn wie eine Collage zu behandeln: fügten hinzu, nahmen weg, verschoben, verdichteten. „Ich versuche immer zu spüren, ob die Dinge miteinander sprechen", sagt Van Noten. „Ob sich ein Rhythmus einstellt, der die Menschen durch eine Erfahrung trägt. Wenn eine Kombination funktioniert, hören die Werke auf, voneinander getrennte Dinge zu sein. Jedes verändert den Blick auf das nächste." Im Grunde habe er schon seine Kollektionen auf diese Weise aufgebaut. Nur mit einem entscheidenden Unterschied: „In der Mode bewegt sich alles auf einen Abschluss zu, auf den Moment, in dem die Erzählung ihren Zielpunkt erreicht. Hier bleibt sie offen."

Die Besucher sollen ihre eigenen Schlüsse ziehen, in ihrem eigenen Tempo – und womöglich ganz andere als jene, die Van Noten selbst im Sinn hatte. Diese erste Präsentation sei nur eine Fingerübung, sagt er. Die Stiftung müsse ihre Stimme erst noch finden. Künftig soll es hier deshalb nicht nur Präsentationen geben, sondern auch Gespräche und Residenzen. Und weil Handwerk für Van Noten ohnehin nicht an ein bestimmtes Gewerk gebunden ist: Warum nicht einmal Köchinnen einladen? Oder Dichter? Oder junge Winzer? Van Noten weiß, dass er das Handwerk nicht im Alleingang wird retten können. Aber niemand kann ihm vorwerfen, er hätte es nicht zumindest versucht.

„Das Wissen, das in einem Stück Glas steckt, ist nicht geringer als jenes, das sich in einem Gemälde findet. Der Gedanke, der in einem Kleidungsstück zum Ausdruck kommt, ist nicht weniger wert als der Gedanke, der in einer Skulptur steckt. Eine konstruierte Hierarchie sagt hier, wie in den meisten Fällen, mehr über die Wertvorstellungen der Menschen aus, die sie eingeführt haben, als über die Werke selbst.“ Dries Van Noten.

„Das Wissen, das in einem Stück Glas steckt, ist nicht geringer als jenes, das sich in einem Gemälde findet. Der Gedanke, der in einem Kleidungsstück zum Ausdruck kommt, ist nicht weniger wert als der Gedanke, der in einer Skulptur steckt. Eine konstruierte Hierarchie sagt hier, wie in den meisten Fällen, mehr über die Wertvorstellungen der Menschen aus, die sie eingeführt haben, als über die Werke selbst.“ Dries Van Noten

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