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Wofür steht beim Traditionshaus Grisebach die Abteilung Zeitgenössische Kunst? Daniel von Schacky und Irene Sieberger sind sich einig: für Qualität. Im Gespräch erklären sie ihren Fokus auf behutsamer Auswahl, persönlicher Beratung und viel Erfahrung, was dem Haus schon so manchen Weltrekord beschert hat.

Gesine Borcherdt: Was war der größte Erfolg in der zeitgenössischen Kunst bei Grisebach?

Daniel von Schacky: Ohne Zweifel das Schönebeck-Gemälde. Wir haben für Eugen Schönebeck einen neuen Weltrekordpreis erzielt — ein großes Aktgemälde mit Vogel („Figur mit Vogel I“), entstanden in den frühen 1960er-Jahren, das seit vier Jahrzehnten in einer Privatsammlung gehütet wurde. Geschätzt hatten wir es auf rund 150.000 Euro. Am Ende wurde es für 645.000 Euro zugeschlagen. Was uns besonders freut: Es ging an ein amerikanisches Museum.

GB: Das ist das Vielfache des Schätzwertes. Was steckt dahinter?

DvS: Schönebeck ist ein Name, den viele nicht kennen — und das hat einen simplen Grund: Er hat nur 52 Gemälde geschaffen, dann aufgehört und ist Postbote geworden. 1967, mit gerade einmal dreißig Jahren. Aber diese Werke, die er in einem kurzen Zeitraum produziert hat, stehen den frühen Baselitz-Arbeiten in nichts nach. Der enge Austausch der beiden in dieser Zeit ist kunsthistorisch bedeutsam. Genau das ist es, was Grisebach ausmacht: Wir erkennen Qualität, auch wenn der Markt sie noch nicht eingepreist hat. Und die richtigen Sammler, die richtigen Museen spüren das sofort.

GB: Grisebach gilt als sehr deutschlastig. Ist das ein Vorteil oder eine Einschränkung?

DvS: Beides, aber am Ende klar ein Vorteil. Unsere Einlieferungen stammen überwiegend aus Deutschland, das stimmt. Aber unsere Käufer kommen inzwischen zu fast fünfzig Prozent aus dem Ausland. Besonders bei den Abendauktionen ist die internationale Beteiligung enorm, vor allem aus den USA. Und man darf nicht vergessen: Die großen deutschen Künstler sind globale Marken. Gerhard Richter, Georg Baselitz, Katharina Fritsch — die hängen in jedem bedeutenden Museum der Welt. Für Fritsch haben wir übrigens auch einen Weltrekord aufgestellt, für ihre Polyesterskulptur „Doktor“ aus den späten Neunzigerjahren, für 258.000 Euro. Ich war im Mai in New York, da hatte sie eine Ausstellung bei Matthew Marks zu sehen. Das ist einfach die Liga, die international mitspielt. Ein Kollege aus einem englischen Haus hat mir mal gesagt: „Germany is tough to crack for us. We don't know the people.“ Und das stimmt. Wir haben über Jahrzehnte gewachsene Beziehungen zu deutschen Sammlern. Das ist unser größter Vorteil.

© Andrea Arntz

Irene Sieberger, Leitung Zeitgenössische Kunst

GB: Aber Sie haben auch internationale Werke sehr erfolgreich verkauft.

Irene Sieberger: Absolut. In derselben Auktion, in der wir den Schönebeck verkauft haben, hatten wir auch eine große Antony-Gormley-Skulptur — 1,6 Tonnen Eisenguss, sie stand im Garten. Sie wurde auf 250.000 geschätzt, vier Bieter haben sich darum gezankt — am Ende hat eine europäische Sammlung außerhalb Deutschlands für fast 600.000 zugeschlagen. Das Beispiel zeigt: Wenn ein Gormley in London angeboten wird, ist er einer von vielen. In Deutschland ist er eine Rarität. Und Gormley hat durch seine Verbindungen nach Wuppertal, zur Galerie Ropac und generell in den europäischen Raum eine ganz andere Sichtbarkeit hier. Dazu kommt das Praktische: Die Skulptur war bereits in Deutschland, musste also nicht eingeflogen werden. Bei fast zwei Tonnen ist das kein Detail. Den Weltrekord für Per Kirkeby über 570.000 Euro haben wir im vergangenen Jahr auch aufgestellt. Und in der letzten Auktion einen Weltrekord für Shota Nakamura, einen japanischen Künstler, der in Berlin arbeitet. Fast alle Bieter kamen aus dem Ausland, das Werk selbst auch. Es wurde für 64.000 Euro verkauft, bei einem Schätzwert von 10.000.

DvS: Und diese Erfolge führen dazu, dass wir eines der möglicherweise teuersten internationalen Lose der letzten Jahre in Deutschland in unserer Herbstauktion anbieten werden: ein bedeutendes Werk von Yves Klein.

GB: Was ist mit der jungen, installativen, digitalen Kunst? Die taucht in Ihren Katalogen kaum auf.

IS: Das hat strukturelle Gründe. Wir sind ein Auktionshaus — wir verkaufen Werke, die Menschen in ihren Wohnungen und Häusern aufhängen oder aufstellen können. Die Anzahl der Leute, die bereit sind, ein Gemälde zu kaufen, ist schlicht viel größer als die Anzahl derer, die eine Videoarbeit oder eine raumgreifende Installation wollen. Und wenn wir eine komplexe Installation verkaufen wollen, ist das Käuferprofil fast immer ein Museum. Das Problem: Museen brauchen lange Entscheidungsprozesse — und zwischen Katalogveröffentlichung und Auktionsabend liegen nur fünf Wochen. Das ist für institutionelle Kaufentscheidungen zu kurz.

DvS: Aber wir hatten durchaus schon Mutigeres, etwa eine raumgreifende Sterling-Ruby-Installation oder eine sehr explizite Skulptur der Chapman Brothers, die zu der Turner-Prize-Ausstellung in der Tate Gallery ausgestellt war. Und es gibt Käufer dafür. Manchmal überrascht uns das selbst. Aber es bleibt die Ausnahme.

GB: Wie sieht es aus mit Hypes, wie etwa früher um junge Künstler, die sechsstellig verkauften?

DvS: Den haben wir bewusst nicht mitgemacht. Wir wissen, wie das Spiel ausgeht. Unbekannte Künstler, die plötzlich mit 10.000 geschätzt werden und für 300.000 weggehen, landen zwei Jahre später bei 12.000. Der Käufer, der 300.000 gezahlt hat, weil wir es ihm angeboten haben, ruft dann irgendwann an. Das sind keine angenehmen Gespräche. Und so eine Beziehung aufs Spiel zu setzen für eine kurzlebige Spekulation — das lohnt sich nicht.

IS: Für den Künstler übrigens auch nicht: Ein guter Marktwert baut sich langsam auf, mit Galerie, Museumsausstellungen, kontinuierlicher Repräsentation. Wenn es explodiert, muss der Künstler immer wieder dasselbe produzieren, weil die Galerie es verkaufen kann. Das ist für die künstlerische Entwicklung schlicht ungesund.

GB: Was sind die dominanten Trends im Markt gerade?

IS: Künstlerinnen. Ganz klar und nach wie vor. Von Gabriele Münter über die Surrealistinnen bis zu Katharina Fritsch, Lynda Benglis, Sheila Hicks — diese Neubewertung ist real und hat noch Luft nach oben. Ein gutes Beispiel ist der Vergleich zwischen Alberto Giacometti und Germaine Richier, die zur gleichen Zeit vergleichbare Skulpturen geschaffen haben. Giacometti kostet heute fünf Millionen, Richier eine Million. Vor zehn Jahren hätte man sie für 200.000 bekommen. Der Markt hier holt langsam auf, weil hochqualifizierte Künstlerinnen lange unterbewertet waren. Das wird sich weiter korrigieren. Und dann gibt es natürlich die Wiederentdeckungen. ZERO zum Beispiel war vor zehn Jahren so ein Moment — plötzlich schauten alle neu hin, und das bedeutete nicht nur Mack, Piene, Uecker, sondern auch Yayoi Kusama und Yves Klein. Das passiert ständig. Kunst ist permanent in Bewegung.

William N. Copley. „The Kids No Trooper“. 1989. Verkauft für: 290.250 EUR

GB: Wer ist Ihre neue Käuferschaft?

IS: Meistens Menschen zwischen vierzig und sechzig: Selfmade-Unternehmer, viele kommen aus der Gründerszene und fangen jetzt an, Kunst zu kaufen. Auffällig ist, wie stark der Anteil der Frauen als eigenständige Sammlerinnen gestiegen ist. Bei einem Cindy-Sherman-Werk hat beispielsweise eine ausländische Sammlerin mitgeboten, die dezidiert nur Künstlerinnen kauft und ihre Sammlung der Geschichte weiblicher Kunst im 20. Jahrhundert widmet. Das ist ein formalisierter, ernsthafter Ansatz — kein Trend, sondern eine Haltung.

GB: Was ist der Unterschied zwischen einem Käufer und einem Sammler?

DvS: Ein Käufer kauft Werke, weil er sie liebt und in seinem Leben haben möchte. Irgendwann hängt das Haus voll, und er ist glücklich. Ein Sammler hingegen kauft mit einem roten Faden, einem Thema, einem Ziel. Der geht auf die Art Basel mit einer Liste im Kopf: diese Galerie, diese Künstler, diese Richtung. Das ist kein Werturteil — der Käufer liebt seine Werke nicht weniger. Aber der Sammler hat eine Mission.

GB: Und Investoren?

DvS: Die gibt es, aber sie sind selten an beiden Enden des Spektrums wirklich konsequent. Die meisten sind irgendwo in der Mitte. Und das Interessante: Die Sammler, die finanziell am erfolgreichsten waren, haben immer mit den Augen gekauft, nie mit den Ohren. Die haben ein Werk geliebt, sechzig Jahre nicht hergegeben — und über diese Zeit hat sich alles verändert. Was ein Werk wirklich wertvoll macht, ist diese Rarität: dass es Teil der Familie war, über dem Kamin hing und nun zum ersten Mal wieder an die Öffentlichkeit kommt.

GB: Was ist in der zeitgenössischen Kunst Ihre größte Herausforderung?

DvS: Der Wettbewerb. Alle Häuser — die großen angloamerikanischen wie die deutschen — jagen mehr oder weniger dieselben Werke. Unsere Antwort darauf sind Beziehungen und Expertise. Wenn wir ein Werk wie den Schönebeck anbieten, wissen wir schon im Vorfeld, wer sich dafür interessieren könnte — und der Einlieferer, ein Sammler seit den Siebzigern, war begeistert: nicht nur wegen des Preises, sondern weil das Bild in ein Museum geht. Wenn man so will, sind wir die Boutique unter den Auktionshäusern, nicht das Kaufhaus. Wir haben nicht fünftausend Lose pro Saison, sondern eine überschaubare Zahl, und für jedes davon setzen wir uns gezielt ein. Wenn ein Interessent von uns eine Empfehlung bekommt, weiß er: Die ist gezielt. Die wurde ihm nicht per Algorithmus zugeschickt. Das ist der Unterschied.

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