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Konrad Klapheck

„Doppelhochzeit“. 1956

Hintergrund:

Konrad Klapheck „Doppelhochzeit“. 1956 Öl auf Leinwand. 68 × 80 cm (26 3/4 × 31 1/2 in.). Schätzpreis: EUR 200.000–300.000 USD 235,000–353,000. Auktion: Ausgewählte Werke am 4. Juni 2026

Einzigartig in vielerlei Hinsicht

Gegen Ende des Jahres 1966, genauer vom 11. November bis zum 11. Dezember 1966, konnte Konrad Klapheck seine erste von einem Katalog begleitete Einzelausstellung in einem Museum, der Kestner-Gesellschaft Hannover, präsentieren. Kurator der Ausstellung war der damalige Direktor Wieland Schmied. Diesen Katalog nahm Klapheck zum Anlass, sein bis dahin von ihm erfasstes Werkverzeichnis zu veröffentlichen. In der Einleitung seines Verzeichnisses, das die jeweiligen Bildtitel in deutsch, englisch und französisch aufführt, ist zu lesen: „Die Kommentare nennen die den Bildern zugrundeliegenden Themen und geben Hinweise zum Verständnis der Titel.“ Bilder ohne Titel existieren nicht im Œuvre von Konrad Klapheck.

Das Gemälde „Doppelhochzeit“ von 1956 ist das vierte Werk, das Klapheck in sein 1955 beginnendes Werkverzeichnis aufgenommen hat und, so exakt, wie er sein Werk dokumentiert hat, ist zu lesen, dass es seine erste Darstellung von Schuhspannern ist. Nicht nur das ist einzigartig. Es ist in der Chronologie der Auflistung der Gemälde auch das erste Bild, das sich zu dem Zeitpunkt der Ausstellung nicht mehr im Besitz des Künstlers befand. Der Name des Eigentümers taucht nicht in der Aufzählung der Leihgeber auf. Es war nicht Teil der Ausgestellung, ist bis heute nie veröffentlicht worden und hat niemals die privaten Räume des von Klapheck Beschenkten verlassen, seines Freundes aus Jugendzeiten, dem er bis zu seinem Lebensende eng verbunden blieb.

Als das Gemälde entstand, war Konrad Klapheck gerade einmal 21 Jahre alt und seit knapp zwei Jahren Student an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er im ersten Jahr die Zeichenklasse von Bruno Goller besuchte. Sein erster Lehrer war prägend für ihn. Als Goller seine Schüler aufforderte, ein Stillleben zu malen, entschied sich Klapheck bewusst gegen stilllebentypische Bildmotive. Er wollte anders sein, sich unterscheiden. Für eine Wochengebühr von sechs Mark lieh er sich in einem Fachgeschäft eine Schreibmaschine der Firma Continental aus, die Schreibmaschine, mit deren Darstellung er sein Werkverzeichnis zu schreiben begann, seinem ersten auf der Kunstakademie entstandenen Gemälde, seiner ersten Darstellung einer Schreibmaschine. Wieland Schmied hat in seinem Text über Konrad Klapheck treffend beschrieben: „Kein Mensch malt damals Schreibmaschinen; zumindest kein Mensch an einer Akademie. Mehr noch: man hält den, der eine Schreibmaschine malen will – so genau wie möglich, nüchtern, exakt, als gälte es die Photographie wieder einzuholen – für unzeitgemäß, für überholt, vielleicht für einen Wirrkopf; wenn nicht für verrückt. Der junge Maler heißt Konrad Klapheck. Das, was er unternimmt, ist ein revolutionärer Akt.“ (In: Junge Künstler 65/66)

Für Klapheck stellte das Bildmotiv und wie er es gemalt hat, eine Initialzündung dar. In seinem 1963 geschriebenen Text „Die Maschine und ich“ konstatiert er: (Die Schreibmaschine) „… wurde auf der Leinwand wider meine Absicht zu einem seltsamen Ungeheuer, mir fremd und nah zugleich, zu einem wenig schmeichelhaften Porträt meiner selbst. Ich hatte eine Entdeckung gemacht: Mit Hilfe der Maschine konnte ich Dinge aus mir herausziehen, die mir bis dahin unbekannt waren, sie zwang mich zur Preisgabe meiner geheimsten Wünsche und Gedanken.“

Die Gegenstände hatten ihn! Oder, wie Wieland Schmied geschrieben hat: „Als er einmal die Maschine als Möglichkeit des Selbstausdrucks erkannt hatte, war er ihr verfallen, für immer.“

Noch im selben Jahr malte Klapheck mit „Macbeth“ (zerstört) die erste Darstellung eines Wasserhahns, auf die 1956 die erste Darstellung von Telefonen mit dem Titel „Die eifersüchtigen Brüder“ folgen sollte.

Und dann also diese wunderbare „Doppelhochzeit“, zwei Paar Schuhspanner, die auf einer im Bild horizontal verlaufenden Mauer zu liegen scheinen, das vordere Paar mit den Vorderblöcken schräg nach rechts gelegt, die Leistenköpfe des hinteren, parallel zur Mauer angeordneten Paares nach links zeigend. Im oberen Bilddrittel ist eine fein gemalte Hecke in schillerndsten Grünabstufungen zu sehen, die am rechten Rand von einer Säule oder einer Fassadenecke mit Sockelfundament überdeckt wird. Selten lassen sich die Gegenstände in Klaphecks Bildern in einem räumlichen Kontext verorten wie bei diesem Gemälde. Meist sind sie vor einem farbigen Hintergrund isoliert, der in seinem Verlauf maximal eine räumliche Horizontale andeutet. Manche Gegenstände werfen Schatten, andere nicht. Unsere Schuhspanner werfen keine Schatten auf den Untergrund, auf dem sie zu schweben scheinen. Dennoch moduliert Licht ihre Form. Umso mehr sind wir Betrachter auf die Objekte, die Schuhspanner, fokussiert, da kann die Hecke, die einzigartig im Œuvre von Konrad Klapheck ist, noch so fein schillern.

Die Schuhspanner in unserem Bild zeigen eine Parallelität innerhalb der Paare, jedes Paar für sich findet eine eigene, zunächst räumlich sichtbare Ausrichtung. Ihre Individualität ist unverkennbar: Das vordere Paar hat einen fein reflektierenden metallischen Verbindungsmechanismus, das andere eine runde hölzerne Stange. Die Fersenteile sind unterschiedlich geformt. Auch innerhalb der Paare visualisieren sie sich unterschiedlich. Der im Bildzentrum angeordnete, fünffach gelöcherte Leistenkopf, zieht alle Blicke auf sich.

In seinen Texten hat sich Konrad Klapheck expliziert zu den Gegenständen geäußert. In „Die Maschine und ich“ von 1963 schreibt er den Schuhspannern nach anderen Objekten folgende Fähigkeiten zu: „…, während die Schuhspanner durch ihre Zweiheit die Freuden und Misslichkeiten der Ehe beschwören.“ Und in „Meine Gegenstände“ von 1973 betont er die Eigenschaften: „Dem Glätten und Strecken dient auch der Schuhspanner, wie das Bügeleisen ein Pfleger des Besitzes.“

Konrad Klapheck hatte von allen Schuhspannern, die er gemalt hat, die Modelle in seinem Atelier archiviert, bediente sich ihnen, genauso wie gesammelter Inserate von Geräten und Maschinen. (S. 108 Kat. 1974)

 Beachtung fanden die Werke von Konrad Klapheck in der damals sehr umtriebigen rheinischen Kunstszene früh. Alfred Schmela präsentierte 1959 die erste Einzelausstellung mit 13 Gemälden und hob hervor: „Klapheck ist der erste Gegenständliche in meiner Galerie, und er wird so lange der Letzte sein, bis ich einen gleichguten oder besseren gefunden habe.“ Die berühmte Sammlerin Fänn Schniewind erwarb in dieser Ausstellung zwei Gemälde. Rudolf Zwirner hat 1962 in seiner Essener Galerie 25 Werke von Klapheck gezeigt. Zu beiden Ausstellungseröffnungen hat der Künstler selbst gesprochen. Der kreativen Eloquenz von Klapheck hätten wir gerne gelauscht, die, wie sein Werk, nichts an Aktualität verloren hat:

„Meine Bilder sollen als ein Ganzes aufgefaßt werden, als ein Epos, dessen Hauptfiguren nicht vom Menschen, sondern von seinen wichtigsten Gebrauchsgegenständen verkörpert werden. Vielleicht sind diese besser als das Portrait ihrer Erfinder in der Lage, die menschliche Komödie von heute darzustellen.“ (1966)

Experten

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