Öl auf Leinwand auf Holz.
74,2 × 87 cm
(29 ¼ × 34 ¼ in.).
Unten links signiert: Franz Radziwill. Rückseitig mit Pinsel in Schwarz mit der Werknummer bezeichnet: 36. Dort auch ein Etikett der Galleria del Levante, Mailand, Rom und München, und ein Etikett der Arte Fiera, Bologna, 1976.
Werkverzeichnis: Schulze 210.
[3049]
Gerahmt
Galleria del Levante, Mailand, Rom und München / Privatsammlung, Mailand / Privatsammlung, Berlin / Privatsammlung, Norddeutschland
Franz Radziwill. Il Realismo in Germania. Mailand, Rotonda dei Via Besana, 1971, ohne Kat.-Nr. / Franz Radziwill. Mailand, Galleria Eunomia, 1971, Kat.-Nr. 5, Abb. S. 12 / Franz Radziwill. Parma, Galleria del Teatro, 1971, ohne Kat.-Nr. / Arte Fiera Bologna. Quartiere Fieristico di Bologna, 1976 (laut rücks. Etikett) / Franz Radziwill. Berlin, Neue Gesellschaft für bildende Kunst in der Staatlichen Kunsthalle, 1981, Kat.-Nr. 31
Auktion 169: Ausgewählte Werke. Berlin, Villa Grisebach, 27.11.2009, Kat.-Nr. 32, m. Abb. / Die Halbinsel der Seligen. Franz Radziwill in der Natur. Dangast, Franz Radziwill Haus, und Jever, Schlossmuseum, 2014/15, Kat.-Nr. 4, Abb. S. 75 / Birgit Denizel (Hg.): Franz Radziwill. Schneeweiß und Nachtschwarz. Bielefeld, Kerber Verlag, 2016, Abb. S. 53
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte der Expressionismus seinen Höhepunkt überschritten: „der Flügel hat durchgeschwungen; das Positive der Zukunft liegt offenbar in einer neuen und frommen Bescheidung auf die Natur“, verkündete Wilhelm Hausenstein 1919 (W. Hausenstein: Über Expressionismus in der Malerei, Berlin, S. 52f.). Während die erste Generation der Expressionisten dem von ihr entwickelten Stil treu blieb, wie etwa die Brücke-Künstler, suchte die jüngere Generation nach neuer Orientierung. Dies galt auch für den in der Wesermarsch geborenen Franz Radziwill, der, inspiriert von Karl Schmidt-Rottluff und gefördert durch Rosa Schapire, zunächst expressionistisch arbeitete, bevor er sich auf die Suche nach einer neuen Formensprache begab.
Seit seiner Übersiedlung nach Dangast im Oldenburger Land im Frühjahr 1923 beruhigte sich seine Malweise. Radziwill wandte sich mehr und mehr der Darstellung der Landschaft am Jadebusen zu. Er wurde damit zu einem der wichtigsten Vertreter des „magischen Realismus“, eine Stilbezeichnung, die der Kunstkritiker Franz Roh 1923 prägte, im Jahr, bevor unser Bild entstand.
Das poetische Nachtstück, das das winterliche Ufer oberhalb des Strandes von Dangast zeigt, weist bereits die Merkmale des neuen Stils auf, den Roh beschrieben hatte: „Eine Bewegung nun, die seit etwa 1920 in allen europäischen Ländern hervorkeimt, sei Nachexpressionismus genannt, womit ich sagen will, daß sie gewisse metaphysische Bezüge des Expressionismus behält, diese andrerseits aber zu etwas durchaus Neuem wandelt. Der Begriff des ‚magischen Realismus‘ [...] deutet das Neue an“ (Franz Roh, in: Der Cicerone, 15. Jg., H. 3, S. 598–602).
Die poetische Magie des Bildes wird vor allem durch die nächtliche Szenerie hervorgerufen, in der das Weiß der schneebedeckten Landschaft mit dem nachtschwarzen Himmel kontrastiert, der über dem Meer in der Ferne in ein metaphysisches Leuchten getaucht ist. Das Gelb und das verhaltene Rot der Fischerkate und Häuser neben der Windmühle wirken wie das leise Nachglühen des Expressionismus. Die Stille des Bildes wirkt nahezu hörbar. Im Februar 1924 hatte Radziwill den ersten strengen Winter in Dangast erlebt: „Wir sind seit Tagen eingeschneit“, hatte er seinem Freund und Förderer Wilhelm Niemeyer geschrieben. „Draußen kein Mensch, kein Leben, kein Weg. Felder, Gärten und Wege alles eins.“ Der Stillstand und die Ruhe des Winters ermöglichten dem Künstler Tage intensiven Arbeitens und des Reflektierens über seine Malerei. „Ich habe ungeheuer viel gewonnen durch Betrachtungen und Folgerungen in der Natur. Licht ist flüssige Farbe [...]. Die Hauptfarben sind Sonne–Tag oder Dunkelheit–Nacht. Nun ist es sehr merkwürdig, daß die Farbe Nacht stärker ist wie alle anderen Farben [...]“ (Gerhard Wietek: Franz Radziwill – Wilhelm Niemeyer. Dokumente einer Freundschaft, Oldenburg 1990, S. 92f.).
Wie in vielen seiner Bilder, die nach 1945 noch in seinem Bestand waren, hat Radziwill auch in diesem Gemälde die metaphysische Stimmung durch spätere Hinzufügungen verstärkt: Ursprünglich trug es nur den Titel „Landschaft“, nach 1963 hat der Maler den roten Himmelskörper und die Pflanze links im Mittelgrund ergänzt und dem Bild den Titel „Der zerbrochene Wintermond“ hinzugefügt. Den „magischen Realismus“ hat er damit zu surrealer Wirkung gesteigert. RS
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