Los
17
Rosario de Santa Fé 1899 – 1968 Comabbio
„Concetto Spaziale“. 1966/67
Hintergrund:
Hintergrund:
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Schätzung:
EUR 300.000
- 400.000
USD 337.000
- 449.000
Auktion 378
Do, 26.11.2026, 18:00 Uhr
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Galleria Il Punto, Turin / Giuseppe Malvolti, Turin / Penna, Biella / Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen (1985 in der Gallery 44, Kaarst, erworben)
Ein Loch im Kosmos der Kunst – Lucio Fontana Aufbruch in die dritte Dimension
Was für ein kühner Akt der Gestaltung einer monochrom gefassten Leinwand, deren Energie auch heute, 60 Jahre nach ihrer Entstehung, nichts von ihrer Intensität verloren hat!
Lucio Fontana war der erste Künstler, der die Leinwand seiner Werke in ihrer Oberflächenstruktur intentional beschädigte, um so nicht nur deren materiellen Charakter, sondern auch den Entstehungsprozess seiner Bilder zu visualisieren. Bis dahin waren Gemälde Träger einer vorgetäuschten Räumlichkeit. Fontana wandelt sie durch seine Verletzungen zu raumbezogenen Objekten. Seine Bilder repräsentieren keinen Raum, sie rufen diesen selbst hervor. Sein erstes „Concetto Spaziale“ schuf Fontana 1949 und eröffnete damit ein neues, bis dato gänzlich unbekanntes Kapitel der Kunstgeschichte. Die Idee sei ihm das Wichtigste gewesen; ein einziger Schnitt, ein einziges Loch hätte genügt. Diese Aussage Fontanas verdeutlicht, wie bedeutsam ihm die konzeptuelle Orientierung seiner Kunst war: In letzter Konsequenz stellte er die Idee über die Ausführung und prägte somit schon Anfang der 1950er-Jahre die Grundlagen einer konzeptuell ausgerichteten Kunst.
Unser farbintensives „Concetto Spaziale“ von 1966/67 gehört zur bedeutsamen Werkgruppe der „Olii“, die Fontana von Mitte der 1950er-Jahre bis in die 1960er-Jahre geschaffen hat. Es zeigt, dass, abhängig von der Farbe und der Ausführung des Lochs, die sinnliche Wahrnehmung untrennbar von Fontanas konzeptuell ausgerichteter Kunst ist. Katharina Hegewisch schreibt 1987 treffend: „Fontanas Kunst ist konzeptuell, kontrolliert und wissenschaftsorientiert. Aber sie ist auch wild, sinnlich und barock.“
Der von ihm detailliert geplante und positionierte Akt der Setzung eines Lochs in die noch feuchte und formbare Malschicht bleibt für die Betrachter des Werkes auf diese Weise dauerhaft lesbar. Anders als bei seinen Leinwand-Schnitten, bei deren Vorbereitung Fontana häufig mehrere Stunden in konzentrierter Haltung vor der noch leeren Leinwand verharrte, sind die Löcher (Buchi) zwar sorgfältig geplante, aber in Sekundenschnelle umgesetzte Öffnungen der noch nicht getrockneten, farbfrischen Leinwand. Unmittelbar danach hat Fontana die gesetzten Löcher durch kreisende Bewegungen vergrößert und damit die pastos aufgetragene frische Farbmasse wulstig um deren Ränder verteilt. Mit den feinen, das Loch umkreisenden Ritzungen scheint Fontana seine Energie meditativ entladen zu haben. Die Farbe unseres „Concetto Spaziale“ wird zu einer plastischen Masse: Lebendig und energetisch tritt sie den Betrachtern entgegen, als bewege sie sich noch immer und evoziere einen neuen Kosmos.
Die raumgreifenden und Tiefe assoziierenden Öffnungen und Wülste von Farbe und Leinwand korrespondieren mit den frühen plastischen Werken, die Fontana bis 1948 vorwiegend aus Terrakotta gearbeitet hat. Schon in den frühen skulpturalen Arbeiten, die immerhin fünfundzwanzig Jahre seines Schaffens prägten, nimmt der als Sohn eines Bildhauers geborene Lucio Fontana Bezug auf religiöse und barocke Bildthemen. Für ihn hatte die Kunst der Vergangenheit hinsichtlich der Darstellung von Raum und Zeit noch immer gültige und unübertroffene Lösungen gefunden. In seinem „Technischen Manifest“ hebt er hervor: „Wir bedürfen heute einer Kunst, die auf den neuen Anschauungen beruht. Der Barock hat uns diese Richtung gewiesen. Noch ist die Großartigkeit unübertroffen, mit der seine Darstellungen den Zeitbegriff in die bildende Kunst einbeziehen. Die Figuren scheinen sich von der Fläche zu lösen und mit ihren Bewegungen in den Raum auszugreifen. Diese künstlerische Konzeption war eine Folge der neuen Vorstellungen, die der Mensch sich jetzt vom Dasein zu machen begann. Zum ersten Mal erkennt die Physik dieser Zeit das Wesen der Dynamik. Man entdeckte die Bewegung als ein der Materie innewohnendes Prinzip, aufgrund dessen das Universum erst verständlich wird“ (Lucio Fontana, überliefert von Guido Ballo).
In insgesamt sieben Manifesten stellte Fontana seine neuen Forderungen an die bildende Kunst detailliert dar. Das erste wichtige Manifest des Spazialismo (Verräumlichung), genannt „Manifesto Blanco“, entstand 1946 während seiner Lehrtätigkeit an der Altamira Escuela Libre de Artes Plásticas in Zusammenarbeit mit Jorge Romero Brest und einer Gruppe seiner Schüler in Buenos Aires. Darin fordern die Unterzeichnenden eine an den wissenschaftlichen Forschungserkenntnissen der Zeit orientierte neue, dynamische Kunst, in der räumliche und farbliche Gestaltung sowie Klang, Licht und Bewegung miteinander verbunden werden. Sämtliche Erfahrungen sollten in einer Synthese vereint werden: „Farbe als räumliches Element, Klang als zeitliches Element und Bewegung, die sich in Zeit und Raum entfaltet, sind die Grundformen der neuen Kunst, die die vier Dimensionen des Daseins umfasst.“
In seinem letzten Interview mit Tommaso Trini hebt Lucio Fontana am 19. Juli 1968 hervor: „Also, wenn irgendeine meiner Entdeckungen von einiger Wichtigkeit ist, dann ist es das ‚Loch‘ […]. Mit ‚Loch‘ meine ich die Durchbrechung der Grenzen, wie sie ein Bilderrahmen setzt und zugleich die Tatsache, dass jeder frei ist in seiner Auffassung von Kunst. […] Ich denke in einer anderen Dimension. Das ‚Loch‘ ist diese Dimension. Ich sage Dimension, weil mir kein besseres Wort einfällt. Ich mache ein Loch in die Leinwand, um die überkommenen bildlichen Formeln hinter mir zu lassen, das Gemälde und die traditionelle Kunstauffassung, und ich entfliehe im symbolischen, aber auch im materiellen Sinne dem Gefängnis der glatten Oberfläche.“ AGT
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