Los
327
Duisburg 1881 – 1919 Berlin
„Mädchen mit aufgestütztem Bein“. 1910
Hintergrund:
Hintergrund:
Schätzung:
EUR 60.000
- 80.000
USD 67.400
- 89.900
Auktion 379
Fr, 27.11.2026, 11:00 Uhr
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Privatsammlung, Berlin
Der Umzug nach Paris markiert für Wilhelm Lehmbruck einen entscheidenden Wendepunkt. In der Auseinandersetzung mit den avantgardistischen Strömungen der französischen Kunstmetropole löst er sich zunehmend von der neoklassizistischen Prägung seiner Studienjahre und entwickelt eine unverwechselbare Formensprache, die den menschlichen Körper nicht mehr nach idealen Proportionen gestaltet, sondern zum Träger innerer Empfindung macht. Dabei findet er einen Weg jenseits sowohl der expressiven Bewegtheit Auguste Rodins als auch der klassizistischen Harmonie Aristide Maillols. Werke wie die „Große Stehende“, der sogenannte Hagener Torso, die Büste „Frau L.“, die „Kleine Sinnende“ und schließlich die „Kniende“ zeugen von dieser konsequenten Neuorientierung. In Paris, wo auch Constantin Brancusi und Amedeo Modigliani nach einer neuen, zunehmend abstrahierten Form des Menschenbildes suchen, behauptet Lehmbruck eine eigenständige Position innerhalb der Moderne.
In diese frühe Pariser Schaffensphase gehört auch die Statuette „Mädchen mit aufgestütztem Bein“, die August Hoff als ein Werk „voll Anmut und Wohlklang in der Führung der Linien und in den Beziehungen der Masse“ würdigte (Wilhelm Lehmbruck. Seine Sendung und sein Werk, Berlin 1936, S. 37). Auf den ersten Blick scheint das Motiv an antike Vorbilder anzuknüpfen; doch Lehmbruck verwandelt den klassischen Figurentypus in eine ganz eigene, spannungsvolle Komposition. Die junge Frau steht unbekleidet auf unterschiedlich hohen Ebenen einer künstlich angelegten Felsformation. Aus dieser ungewöhnlichen Positionierung entwickelt sich eine Körperhaltung, die zugleich instabil und in sich geschlossen wirkt: Der Oberkörper ist leicht eingedreht, die Hände sind vor der Brust gefaltet, die Unterarme nehmen das Kinn auf und scheinen den sanft geneigten Kopf zu stützen. Nichts an dieser Figur ist wirklich entspannt; vielmehr entsteht aus der Verschraubung des Körpers eine stille, introvertierte Spannung. Die junge Frau scheint ganz in sich selbst versunken und entzieht sich damit dem unmittelbaren Zugang durch den Betrachter.
Die genaue Entstehungszeit der Statuette lässt sich nach Einschätzung Dietrich Schuberts nicht zweifelsfrei bestimmen. In seinem Werkverzeichnis von 2004 hält er aufgrund des Gießerstempels sowohl einen Guss zu Lehmbrucks Lebzeiten als auch eine Entstehung in den frühen 1920er-Jahren, kurz nach dem Tod des Künstlers, für möglich. Schubert verzeichnet neben zwei, möglicherweise drei Gipsausführungen zwei Lebzeit-Bronzen, die von Alexis Rudier in Paris gegossen wurden. Auch die Berliner Gießerei Noack zählte zu den Werkstätten, denen Lehmbruck seine Modelle anvertraute. Im Werkverzeichnis schließt das „Mädchen mit aufgestütztem Bein“ an die „Kleine Sinnende“ an, eine elegant verkleinerte Fassung der ein Jahr zuvor entstandenen „Großen Stehenden“. Mit Höhen von 63 beziehungsweise 54 Zentimeter gehörten beide Statuetten zu jenen kleineren Bronzen, die Lehmbruck eine wichtige Präsenz auf dem Kunstmarkt sicherten. Während er sich in seinen Arbeiten in Gips und Zement immer wieder auf experimentelles Terrain begab, ermöglichten ihm diese gefragten Kleinbronzen, seine künstlerische Entwicklung auch wirtschaftlich abzusichern. MvL
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