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Los

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Nam June Paik

Seoul 1932 – 2006 Miami

Baum der Versuchung (II). 1984/2005/2008

Glasfaserverstärkter Kunststoff, Holz, künstliche Blätter und 18 Monitore. 320 × 270 × 260 cm (126 × 106 ¼ × 102 ⅜ in.).
Auf diesem Bild ist das folgende Kunstwerk zu sehen: Nam June Paik. Baum der Versuchung (II). 1984/2005/2008.

Hintergrund:

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Hintergrund:

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Hintergrund:

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Schätzung:

EUR 120.000

 

- 160.000

USD 135.000

 

- 180.000

Auktion 378

Do, 26.11.2026, 18:00 Uhr

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Informationen

Glasfaserverstärkter Kunststoff, Holz, künstliche Blätter und 18 Monitore. 320 × 270 × 260 cm (126 × 106 ¼ × 102 ⅜ in.). Anfertigung von 2005/08 auf Basis der nicht erhaltenen Ausführung von 1984. Beigaben: 1. Nam June Paik: Ohne Titel. Collage, Farbkreide und Kugelschreiber in Rot und Blau auf Velin, 49,5 × 60 cm. Unterhalb der Mitte mit Filzstift in Schwarz signiert: Paik. 2. 4 originale Green Screen-Täfelchen aus der WDR-Sendung „Bei Bio“ von 1984. Karton, Holzgriff, 29 × 22 cm. 3 davon mit Zeichnungen, 1 signiert von Paik und Biolek. 3. 1 Farbfernseher SONY KV-6000BE Trinitron. [2001]

Privatsammlung, Rheinland / Sammlung Wulf Herzogenrath, Berlin (2014 von Vorgenannter erworben)

Sculpture, Nature, West/East. Agile/Turin, International Sculpture Exhibition, 2008 / Flowers & Mushrooms. Salzburg, Museum der Moderne Salzburg, 2013, Abb. S. 134 („Früchte der Versuchung") / Magic Media, Media Magic, Videokunst seit den 1970er Jahren aus dem Archiv Wulf Herzogenrath. Berlin, Akademie der Künste, 2019 / Pre Bell Man von Nam June Paik, eine Ikone der Medienkunst kehrt zurück. Frankfurt am Main, Museum für Kommunikation, 2019, Abb. S. 102/103, 110, 112, 118

Wulf Herzogenrath (Hg.): Nam June Paik, Fluxus, Video. Bremen, Kunsthalle Bremen, 1999, Abb. S. 270 (hier die Version von 1984)

Nam June Paiks eckige Paradiesäpfel auf dem bunten Medienrummel – der „Baum der Versuchung (II)“

Das multimediale Kunstwerk „Baum der Versuchung (II)“ des Medienkunst-Pioniers Nam June Paik geht auf einen speziellen deutschen Fernsehmoment im Sendesaal des Westdeutschen Rundfunks (WDR) zurück. Am 12.4.1984 rückte dort der „Baum der Versuchung“ im Rahmen der Fernsehsendung „Bei Bio“ mit weiteren Arbeiten Paiks in den Blickpunkt eines Millionenpublikums. Der Künstler hatte den künstlichen, lebensgroßen Baum mit einer Vielzahl kleiner Bildschirme behangen, die wie Früchte in der Krone hingen und bunte, experimentell verfremdete Bewegtbilder zeigten. Paiks Werke bildeten das Bühnenbild für eine spezielle Fernsehproduktion, in welcher dem Schöpfer zugleich die Möglichkeit geboten wurde, dem Publikum auf eigene, nonkonforme Weise das eigene Schaffen zu präsentieren.
Dass dies in einer Unterhaltungssendung möglich war, verdankte sich neben dem teilnehmenden Künstler ebenso dessen Gastgeber Alfred Biolek. In dem von ihm ersonnenen innovativen Format kam nämlich nicht nur Prominenz der Sparten Film, Musik und Politik zu Wort. Ebenso wurde dort auch unentdeckten Talenten und avantgardistischen Tendenzen jenseits des Mainstreams ein Forum geboten. Schon in einer vorherigen Sendung hatte Biolek mit der Ausstrahlung von Videoarbeiten Peter Campus’ sein Interesse an dieser damals noch wenig verbreiteten Kunstgattung an den Tag gelegt. So war es nur folgerichtig, dass in der Sendung vom April 1984 neben der Schlagersängerin Gitte oder Teddy Kollek, Bürgermeister Jerusalems, eben auch Nam June Paik als Gast geladen war.
Der Kontakt zu Paik war Biolek wohl über den damaligen Leiter des Kölnischen Kunstvereins, Wulf Herzogenrath, vermittelt worden. Dieser hatte sich schon seit den 1970er-Jahren aktiv für Videokunst eingesetzt, an einer Fernsehdokumentation über Paik mitgearbeitet und 1976/77 die erste europäische Einzelausstellung dieses Künstlers realisiert. Später sollte er auch Besitzer unseres „Baums der Versuchung (II)“ werden. Bei diesem handelt es sich um ein 2005/2008 angefertigtes Unikat, das sich aus der Nicht-Erhaltung der Originalversion – der unbehangene Baum war fester Bestandteil von Bioleks Studiokulisse – erklärt. Die neue Ausführung zeigt nun auf den Bildschirmen eine bearbeitete Version von Paiks wegweisender, 1973 geschaffener Videoarbeit „Global Groove“. Diese eklektische Montage aus kurzen, technisch verfremdeten Fernsehausschnitten verquickte provokant Hochkultur und Unterhaltungsindustrie und beinhaltete unter anderem mit Popmusik unterlegte Tanzszenen, außereuropäische Perkussionskonzerte, eine Ansprache John Cages, einen japanischen Pepsi-Cola-Werbespot sowie Szenen eines Konzerts der Cellistin und Fluxus-Performerin Charlotte Moorman. In Zeiten, in denen kaum jemand mehr als drei Fernsehprogramme empfangen konnte und schnelles Zappen schon technisch nicht möglich war, gestaltete sich diese wild geschnittene Folge von Bildern und Tonspuren als visuelle Herausforderung und künstlerisches Novum zugleich.
Paiks Auftritt bei Biolek passte nicht nur bestens in dessen Konzept der Sendung, sondern auch in das des Künstlers. Denn gerade dieser hatte schon seit Jahren Kommunikationsmedien für sein erfindungsreiches Kunstschaffen genutzt. So dienten ihm bereits in den 1960er-Jahren Tonbänder, Schallplatten und insbesondere Fernsehapparate als Ausgansbasis für eine Vielzahl von Werken. In Korea geboren und in Japan aufgewachsen, war Paik zunächst nach einem Kompositionsstudium 1958 nach Köln übergesiedelt. Anfänglich agierte er dort im legendären Studio für elektronische Musik. Später erweiterte er seinen Aktionsradius und wurde, indem er Ideen der Neuen Musik auf die freie Kunst übertrug, zu einem der führenden Fluxus-Künstler im Rheinland der frühen 1960er-Jahren.
Dass Paik ein Kunstwerk schuf, das auf einem Baum basiert, mag zunächst auf den vor Ort installierten Studiobaum zurückzuführen sein. Von diesem mutmaßlich angeregt, erscheint von besonderem Interesse, dass er hierbei gerade auf den paradiesischen Baum der Versuchung, auch „Baum der Erkenntnis“ genannt, rekurrierte. Der Verzehr seiner Früchte war gemäß biblischer Schöpfungsgeschichte Adam und Eva durch Gott untersagt worden, könnten sie dadurch doch die Fähigkeit zur eigenmächtigen Unterscheidung von Gut und Böse erlangen. Von der Schlange animiert, kam es dennoch zum Sündenfall, und beide wurden des Paradieses verwiesen. Paik dürfte am Thema sicher gereizt haben, dass der Baum der Versuchung ein in der Kunstgeschichte seit Jahrhunderten beliebtes Sujet war. Entsprechende Beispiele stammten etwa von Albrecht Dürer, Lucas Cranach d. Ä. oder Peter Paul Rubens. Paik griff zwar ein traditionelles Sujet auf, wusste es aber erfindungsreich mit zeitgenössischen, kunstfernen Mitteln innovativ zu interpretieren. Zugleich lässt sich eine generelle Vorliebe Paiks für Werke mit religiöser Motivik erkennen, genannt seien etwa sein wohl bekanntestes Werk, die Closed-Circuit-Video-Arbeit „TV Buddha“ (1974), oder die Groß-Installation „Arche Noah“ (1989).
Doch worum ging es Paik mit seinem „Baum der Versuchung“? Wollte er uns ironisch vor der Verführung durch die „Flimmerkisten“ warnen? Die Kritik am Fernsehen als Instrument der Berieselung, Verführung und Manipulation war schon damals nicht neu. Tatsächlich hatte Paik in einigen Werken die Rolle der Massenmedien auch skeptisch reflektiert. Doch glaubte er ebenso an die positiven Möglichkeiten, die sich mit den neuen technischen Gegebenheiten realisieren ließen. So verfolgte Paik unter anderem den Ansatz, das einseitige Sender-Empfänger-Modell des Fernsehens zu überwinden. Dafür rückte er anstelle des passiven, nur konsumierenden TV-Zuschauers – Jahre vor der Existenz des Internets – den aktiven, eigene Botschaften sendenden Mediennutzer. Entsprechend machte er auch in Bioleks Sendung von der Anwesenheit des WDR-Studiopublikums Gebrauch. Mit kleinen grünen Täfelchen in Form von TV-Bildschirmen ausgestattet, konnten die Studiobesucher diese in die Kamera schwenken. Durch den Einsatz des Green-Screen-Verfahrens ergab sich dann der für damalige Fernsehzuschauer verblüffende Effekt, dass sich die präsentierten Schilder in Projektionsflächen für experimentelle Fernsehbilder verwandelten.
In Zeiten des Kalten Krieges und eingeschränkter Reisemöglichkeiten glaubte Paik daneben an einen grenzüberschreitenden, demokratischen Kulturaustausch, den er mit den neuen technischen Errungenschaften umzusetzen suchte. Exemplarisch hierfür steht die von ihm als „Art for 25 Million People“ konzipierte TV-Übertragung „Good Morning, Mr. Orwell“, die nur durch die damals noch wenig verbreitete Satelliten-Technologie möglich war. Die Sendung beinhaltete diverse Live-Schaltungen ins Ausland mit Gästen wie Joseph Beuys, Allen Ginsberg und Laurie Anderson und war als optimistischer Gegenentwurf zu George Orwells dystopischer Zukunftsvision „1984“ gedacht. Am Neujahrstag 1984 – somit kurz vor der Aufzeichnung von „Bei Bio“ und der Präsentation unseres Baumes – wurde sie von New York, Paris und Neu-Delhi nach Südkorea, Dänemark, in die Niederlande und die Bundesrepublik ausgestrahlt. So gesehen steht der „Baum der Versuchung“ ebenso für den Glauben an eine friedliche Welt auch außerhalb der Grenzen des Paradieses. FS

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