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Los

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Gerhard Richter

Dresden 1932 – lebt in Köln

„Kleine Teyde-Landschaft“. 1971

Öl auf Leinwand. 50 × 60 cm (19 ⅝ × 23 ⅝ in.).
Auf diesem Bild ist das folgende Kunstwerk zu sehen: Gerhard Richter. „Kleine Teyde-Landschaft“. 1971.

Hintergrund:

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Schätzung:

EUR 800.000

 

- 1.200.000

USD 899.000

 

- 1.350.000

Auktion 378

Do, 26.11.2026, 18:00 Uhr

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Informationen

Öl auf Leinwand. 50 × 60 cm (19 ⅝ × 23 ⅝ in.). Rückseitig mit Kreide in Schwarz signiert und datiert: Richter 1971. Ebenda mit Kreide in Rot mit der Werknummer beschriftet: 287. Auf dem Überspann bezeichnet (verblasst): reserviert Herzogenrath. Werkverzeichnis: Elger 287. [2001] Gerahmt

Wir danken dem Gerhard Richter Archiv, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, für freundliche Hinweise.

Sammlung Wulf Herzogenrath, Berlin (vom Künstler erhalten)

Gerhard Richter. Landschaft. Wien, Kunstforum; Zürich, Kunsthaus, 2020/21, Abb. S. 84

Ausst.-Kat.: Gerhard Richter: 36. Biennale (Deutscher Pavillon). Venedig, 1972, Abb. S. 68 (hier als Nr. 261/1 und abweichend datiert und betitelt: Regenbogen, 1970) / Ulrich Loock und Denys Zacharopoulos (Hg.): Gerhard Richter. München, 1985, Abb. S. 42 / Gerhard Richter. Bilder/Paintings 1962–1985. Düsseldorf, Städtische Kunsthalle Düsseldorf, 1986, S. 378, Abb.
S. 128 / Gerhard Richter. Catalogue Raisonné 1962–1993. Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, 1993, Vol. III, S. 287 / Armin Zweite: Gerhard Richter. Leben und Werk. Das Denken ist beim Malen das Malen. München, 2019, S. 210, 350

Die Vermalung der Romantik – Gerhard Richters widersprüchliche Liebe zur Natur

„Ich hatte Lust, etwas Schönes zu malen.“ So antwortete Gerhard Richter 1970 auf die Frage, weshalb er sich der Landschaftsmalerei zugewandt habe. Zwei Jahre zuvor hatte Richter erstmals eine kleine Gruppe von Bildern nach Fotos gemalt, die er während eines Urlaubs auf der Insel Korsika aufgenommen hatte. Auf diese Seestücke mit schmalen Küstenstreifen vor einem bergigen Hintergrund folgten bald großformatige Landschaften mit Motiven aus dem Rheinland, nun mit tief liegendem Horizont und einem dominierenden Himmelsprospekt – eine an die holländische Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts erinnernde Bildaufteilung, die Richter von da an meist beibehielt.
Nach einer Reihe von artifiziellen Seestücken mit Montagen von Wolkenhimmeln und bewegter See kehrte Richter wieder zu Urlaubsfotos zurück und beschäftigte sich während der Jahre 1970 und 71 mit den Aufnahmen von Landschaften, die bei einem Aufenthalt auf den Kanarischen Inseln entstanden waren. Daraus resultierte ein Dutzend Bilder, von denen die meisten im Titel auf die Kanaren verweisen, mit Ausnahme der „Abendlandschaft mit Figur (260)“, die aber offensichtlich auch auf diesen Hintergrund zurückgeht. Dazu kamen vier einzelne druckgrafische Blätter und zwei Grafikmappen. Wie schon bei den ersten Landschaften malte Richter auch hier die ganze Werkgruppe und nicht nur einzelne Bilder in Farbe. Die Grisaillen der frühen Bilder nach Fotos waren ihm zu selbstverständlich geworden, sie hatten zu einer attraktiven Ästhetik geführt, mit der er identifiziert wurde und die er abschütteln wollte. Dafür kam ihm die Farbe zupass. Mit seiner Palette hielt sich Richter an die Fotovorlagen und nutzte den ihnen eigenen leichten Rotstich, der die Bilder sowohl von einer intuitiv farbbasierten wie von einer naturalistischen Darstellung abrückte. Eine Anzahl der Fotos, die er für seine Arbeit benutzte, darunter auch die Vorlage für die „Kleine Teyde-Landschaft“, montierte Richter auf Tafeln, die er in seine Bildersammlung, den sogenannten „Atlas“, einfügte (Abb.).
Die Aufnahmen zeigen meist die Gebirgsformation des Vulkans Pico de Teide auf Teneriffa, doch aus der Distanz und mit eingeschränkter Sicht – oft mit stark verschattetem Vordergrund, in der Dämmerung oder im Gegenlicht. Der majestätische Teide liegt kaum erkennbar in der Ferne, und der Vordergrund zeigt karges, unbebautes Land ohne jede Besonderheit, die den Blick auf sich ziehen würde. Gäbe es nicht die Titel, wären die Landschaften keiner bestimmten Region zuzuordnen. Gerade diese Austauschbarkeit mochte Richter dazu gebracht haben, diese Landschaften für eine prominente Werkgruppe auszuwählen. Es war wohl weniger der Ort als eine Erinnerung an die Stimmung, die sich mit den Motiven verband.
Lässt sich die Landschaft in den ersten Bildern der Gruppe noch in ihrer Struktur wahrnehmen, wird sie von Richter in der Folge immer weiter ins Undeutliche getrieben, verstärkt durch die Vermalung der Konturen am Ende des Malvorgangs. So bleiben am Ende nur ein dunkler brauner Vordergrund und darüber ein bewölkter Himmel übrig. Die „Kleine Teyde-Landschaft“ ist das letzte Bild der Gruppe, und sie unterscheidet sich von den übrigen Ansichten dadurch, dass der Blick in die Ferne fast gänzlich entfällt und dass im Himmelsgrau die Andeutung eines fahlen Regenbogens zu sehen ist. Der Vordergrund teilt sich hier in einen braunen Hügel zur Linken und eine helle Fläche zur Rechten, durch die eine Straße verläuft. Dies lässt sich auf der Fotografie, die rechts etwas beschnitten wurde, um die Komposition kompakter zu gestalten, noch deutlicher erkennen. Im gemalten Bild dagegen ist der Himmel über dem braunen Erdhügel auf wenige Nuancen reduziert, auf eine Mischung von rotbraunen Tönen, durch die sich der etwas hellere Bogen zieht. Ausnahmsweise gibt es zu diesem Bild eine Ölskizze in der pastosen Malweise, die Richter in diesen Jahren vereinzelt ausprobierte. Darin ist die Disposition der Landschaft noch etwas deutlicher wahrnehmbar, und der Regenbogen ist mit einem einzigen Pinselschwung grau in grau wiedergegeben.
Mit der Landschaftsmalerei, die Richter erstmals in seiner Ausstellung von 1971 im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf und dann erneut im folgenden Jahr im Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig präsentierte, stieß er zunächst auf Unverständnis und Ablehnung. Wollte Richter jetzt einfach konventionelle, ja sogar etwas zu harmonische Ansichten malen?, fragte man sich. Man übersah dabei, dass die Landschaften auf eine Periode des Experimentierens folgten, während der Richter unterschiedlichste Versuche unternommen hatte – von Farbtafeln, Gläsern, den ersten grauen Bildern bis zu den Stadtbildern –, die „Attraktion des Gegenstandes” abzustreifen und sich grundsätzlich mit den illusionistischen Wirkungen der Malerei zu befassen.
Die Gattung der Landschaft, die Richter sich nach den Figurenbildern und anderen Motiven der 1960er-Jahre vornahm, war nur eine weitere Station auf diesem Weg. Das klassische Gerüst der Gattungen garantierte Richter, dem akademisch geschulten Maler, historischen Rückhalt und Distanz gegenüber einer bloß subjektiv gesteuerten Malerei. Landschaften zu malen war ein Rückgriff auf die Geschichte, es war aber auch eine subtile Art, die Zweifel an der Darstellung der Realität mit anderen Mitteln zu formulieren. Mit der Landschaft wählte sich Richter schließlich auch diejenige Gattung, die sich ihren Platz in der Geschichte der Malerei erst spät gesichert hatte, da sie zuvor reines Beiwerk gewesen war, und die am Ende des 18. Jahrhunderts laut dem Kunsthistoriker Werner Busch zur eigentlichen Gattung der Moderne wurde, „als Spiegel aller menschlichen Gefühle, Bedürfnisse und Sehnsüchte, schließlich auch als Medium, das, stärker als das Figurenbild, der Selbstbewusstwerdung der Kunst dient”. Diese neuen Landschaften unterschieden sich für Richter auch von seinen ersten Versuchen dieser Art von 1964, zu denen er später notierte, sie seien „anonym, prospekthaft, nicht individuell erfahren: Sphinx, Pyramiden etc.”
Die „Kanarischen Landschaften“ besaßen dagegen dieses Individuelle. Dafür sprachen die selbst aufgenommenen Fotovorlagen und das wiederholte Eingeständnis Richters, er male die Landschaft, weil sie „einfach schön ist. Sie ist wahrscheinlich das Tollste, was es überhaupt gibt”. Doch solche Äußerungen Richters sind mit Vorsicht zu nehmen, denn seine Landschaftsmalerei ist gerade nicht von der Eindeutigkeit, die er ihr unterstellte. Die „Kleine Teyde-Landschaft“ ist vielmehr ein Beispiel für die Widersprüchlichkeit von Richters Umgang mit dem vermeintlich unmittelbar Wahrgenommenen und Empfundenen. Im Unterschied zu den frühen, bewusst unkünstlerisch konzipierten Bildern, in denen sich Richter an arbiträre Bildvorlagen aus Magazinen oder Zeitungen gehalten hatte, zeigen die Fotos von den Kanaren, dass er sich an der räumlichen Gliederung und dem formalen Gleichgewicht herkömmlicher Landschaftsbilder orientierte, ob bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt.
Der vorgeblich authentische Eindruck von Richters Fotos verweist offenkundig auf historische Vorbilder. Da ist der bereits erwähnte Regenbogen, der nur schwach sichtbar ist und der buchstäblich einen Bogen zurück zur Romantik schlägt. Es liegt nahe, an Caspar David Friedrichs „Gebirgslandschaft mit Regenbogen“ von 1809 zu denken, in der das Himmelsphänomen sinnbildlich als Überhöhung der Landschaft eingesetzt wird. Diesen Hintergrund bestätigte Richter in einem Interview: „Es gibt tatsächlich in meinem Werk einen historischen Bezug zur Romantik. Darin unterscheide ich mich von den Hyper-realisten, die die heutige Welt mit ihren Autos, ihren Autobahnen usw. darstellen. Ich für mein Teil male historische Bilder.“ Doch Richter wusste darum, dass ihm dies nicht wirklich gelingen könnte, denn es gab den verbindlichen Rahmen nicht mehr, der solche Bilder glaubhaft machen würde: „Was mir fehlt, ist die geistige Grundlage, auf der die romantische Malerei beruhte. Wir empfinden nicht mehr die ,Allgegenwärtigkeit Gottes in der Natur’. Für uns ist alles leer. Und doch sind diese Gemälde immer noch da und sprechen uns an. Wir lieben, verwenden und brauchen sie auch weiterhin.” Friedrichs Bild dient in der „Kleinen Teyde-Landschaft“ deshalb nicht als unmittelbare Referenz, aber mindestens als Erinnerung an eine Epoche der Malerei und dafür, dass die Wahl des Motivs nicht ganz unschuldig ist, denn, wie Richter bemerkte, „die Landschaften oder beispielsweise auch die Kerzenbilder sind beinahe wie Zitate”.
Individuelle Erfahrung und persönliche Gestimmtheit reflektieren sich nicht im direkten Abbild, sondern im Zitat. Dieses Zwiespältige ist der Grund von Richters Malerei, denn das Abmalen von Fotografien bedeutete für ihn von Anbeginn an, sich über den Umweg einer Abbildung mit dem Motiv zu beschäftigen. Hinter der direkten Anmutung der Bilder liegt eine zweite Ebene, diejenige des Zitats, welche die erste in ihrer Stimmigkeit infrage stellt. Das Abbild der Landschaft steht seiner eigenen Präsenz zweifelnd gegenüber, denn es bezieht sich auf Geschehenes, nicht im Sinne der in die Gegenwart hineinwirkenden Geschichte, sondern als endgültig Zurückliegendes, Entschwundenes, das in der bildlichen Wiederholung traumhaft erscheint. Richters Landschaften verweisen auf etwas, was abhanden gekommen ist – im Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart, Erfahrung und Abbildung, Wunsch und Nichterfüllung. Die „Kleine Teyde-Landschaft“ zeigt etwas und bedient sich dafür einer bestimmten Sprache, derjenigen der Romantik, um uns darauf einzustimmen und zugleich zu enttäuschen, denn die nach dem Foto gemalte Landschaft trägt das Individuelle des Malers in das Allgemeine, das für uns als Betrachter von Bildern bestimmt ist. Wenn Richter im vermeintlich Vertrauten das Ferne oder sogar Verlorene zum Vorschein bringt, verleiht er der Landschaft eine Qualität, die ihr noch einmal Gegenwärtigkeit verspricht.
Dieter Schwarz

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