Los
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Wilhelmshaven 1949 – lebt in Berlin
„Van Gogh u. Hochbahn“. 1979
Hintergrund:
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Schätzung:
EUR 100.000
- 150.000
USD 112.000
- 169.000
Auktion 378
Do, 26.11.2026, 18:00 Uhr
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Privatsammlung, Berlin (Ende der 1980er-Jahre in der Galerie Raab, Berlin, erworben)
Rainer Fetting. Berlin/New York. Gemälde und Skulpturen. Berlin, Staatliche Museen zu Berlin/DDR Nationalgalerie; Weimar, Stadtmuseum (Bertuchhaus), Kabinett am Goetheplatz, 1990, Kat.-Nr. 5 („Van Gogh und Hochbahn I“)
Vincent van Gogh als Alter Ego – Rainer Fetting und die Melancholie West-Berlins
Die 1902 eröffnete Hochbahnstrecke, die heute zur U1 gehört, ist Teil der ältesten U-Bahn-Verbindung Berlins. Das markante Viadukt schlängelt sich entlang der Skalitzer Straße und über die Oberbaumbrücke bis zum Bahnhof Warschauer Straße in Friedrichshain. Die Hochbahn ist damit eng mit der Geschichte Berlins und dem Gefühl von Bewegung und Verbundenheit verknüpft. Mit dem Bau der Berliner Mauer endete diese Verbindung abrupt am U-Bahnhof Schlesisches Tor, denn jenseits der Oberbaumbrücke verlief die streng bewachte Sektorengrenze nach Ost-Berlin.
Während der Teilung war Kreuzberg ein Randbezirk West-Berlins, geprägt von günstigen Mieten, besetzten Häusern, einer lebendigen alternativen Szene und einer vielfältigen Bevölkerung, zu der auch viele türkische Arbeitsmigrantinnen und -migranten sowie Künstlerinnen und Künstler gehörten. Die besondere politische Situation der geteilten Stadt und die vergleichsweise großen Freiräume machten West-Berlin zu einem Anziehungspunkt für zahlreiche Kreative. Auch Rainer Fetting kam 1972 aus Wilhelmshaven hierher. Im eingeschlossenen West-Berlin fand er paradoxerweise Freiheit: Er entging dem Wehrdienst und fand eine alternative Kulturszene sowie ein Umfeld, in dem er als schwuler Mann akzeptiert wurde. Da sein Vater aus Berlin stammte, war der Umzug für ihn fast eine Art Heimkehr.
In Berlin traf Fetting im Umfeld der Hochschule der Künste auf Gleichgesinnte wie Salomé, Bernd Zimmer und Helmut Middendorf. Die „Moritzboys“, benannt nach der von ihnen gegründeten Selbsthilfegalerie am Moritzplatz, stellten sich bewusst gegen die Doktrin der Düsseldorfer, die die Malerei einmal mehr für tot erklärt hatten. Sie entwickelten eine Malerei, die sich mit expressiver Geste gegen etablierte Vorstellungen von Kunst auflehnte. Die sogenannten Jungen Wilden setzten auf unmittelbaren Ausdruck, körperliche Präsenz und eine neue Intensität der Farbe.
Berlin wurde dabei selbst zur Protagonistin zahlreicher Gemälde Fettings. Er beschrieb seine künstlerische Auseinandersetzung mit der Stadt einmal so: „Ich habe Berlin in seiner existenziellen Situation gemalt, beziehungsweise den Puls der Zeit als Quelle für meine Bilder genommen.“
Zu den wiederkehrenden Bezugspunkten in Fettings Malerei gehört auch Vincent van Gogh, den er nicht nur als künstlerisches Vorbild betrachtete, sondern auch als eine Art Alter Ego adaptierte. In Selbstporträts inszenierte sich Fetting wiederholt in der Rolle des niederländischen Malers, der bis heute als Inbegriff des kompromisslosen, von seiner Kunst besessenen Außenseiters gilt. Van Gogh war für die Jungen Wilden zugleich ein wichtiger Vorläufer: Sie folgten ihm in ihrer expressiven Malweise und der intensiven, emotional aufgeladenen Verwendung von Farbe.
Fetting verbindet mit van Gogh eine existenzielle Auffassung von Malerei. Während van Gogh vor allem seine eigene Wahrnehmung und innere Befindlichkeit in seinen Bildern verarbeitete, nutzt Fetting die expressive Geste auch, um das Lebensgefühl einer ganzen Stadt sichtbar zu machen. Wie kaum einem anderen Künstler gelingt es ihm, den besonderen Zeitgeist von West-Berlin einzufangen. Berühmt sind dabei seine Mauerbilder, in denen er die Berliner Mauer auch gern einmal aus ihrem realen Zusammenhang mitten nach Kreuzberg versetzt.
In unserem Gemälde aus dem Jahr 1979, das Fetting „Van Gogh u. Hochbahn“ betitelte, bringt er statt eines Bauwerks die historische Figur Vincent van Goghs in seine West-Berliner Gegenwart. Ohne den ausdrücklichen Hinweis im Titel wäre die Gestalt kaum als dieser zu erkennen. Im Schatten der Hochbahn steht ein einzelner Mann, dessen Gesicht im Dunkel verschwindet. Den Hut tief in die Stirn gezogen, die Schultern hochgezogen und nur schwach von den Lichtern des U-Bahnhofs erfasst, ist er kaum mehr als eine Silhouette am linken Bildrand. Der Boden glänzt im Regen, während die beleuchtete Station im Hintergrund einen scharfen Kontrast zur Dunkelheit des Vordergrunds bildet. Die Figur scheint sich vor der Kälte zu ducken, ihre Haltung lässt aber auch an einen Menschen denken, der sich in der Großstadt verloren fühlt. Woher kommt er, wohin ist er unterwegs? Gerade weil die Gestalt so wenig greifbar bleibt, wird sie zum Sinnbild des anonymen Großstadtlebens.
Die Szene erinnert an jene dunklen, nassen Herbst- und Wintertage, an denen Berlin verschlossen und unfreundlich erscheint. Im West-Berlin der späten 1970er-Jahre wurde diese Atmosphäre durch die besondere historische Dimension potenziert: Die Mauer muss den Bewohnern dieser eigentlich so freien Stadt in den kalten, trüben Tagen mitunter präsenter und bedrohlicher erschienen sein. Denn das war das ewige Paradox von West-Berlin: Bewegung und Begrenzung, Aufbruch und Isolation gehörten untrennbar zum Alltag ihrer Bewohner.
Fetting hat Berlin immer unmittelbar gemalt, es diente ihm nie als reine Kulisse, und so wirkt „Van Gogh u. Hochbahn“ auch fast 50 Jahre später nicht wie ein nostalgisches Erinnerungsbild. Die existenziellsten Gemälde gelangen ihm immer über eine Stadt im Ausnahmezustand. In „Van Gogh u. Hochbahn“ verdichtet sich die besondere Mischung aus Freiheit und Begrenzung in jener einsamen Gestalt unter der Hochbahn in hoher Intensität. FvW
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