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Kunst des 19. Jahrhunderts

103

Albrecht Dürer

1471 – Nürnberg – 1528

„Melencolia I“. 1514

Kupferstich auf Bütten. 24 × 18,8 cm. (9 ½ × 7 ⅜ in.) Werkverzeichnis: Bartsch 74 / Meder 75 II c-d (von f) / Schoch/Mende/Scherbaum 71. Beim vorliegenden Blatt handelt es sich um einen schönen Abdruck des von Joseph Meder beschriebenen Zustandes M 75, II c-d (von f). Er besitzt – wie die meisten Papiere der Meisterstiche – kein Wasserzeichen und zeichnet sich durch seinen gleichmäßig silbrigen Ton aus. Im magischen Quadrat ist die Ziffer 9 seitenrichtig korrigiert, und auf der Kugel ist noch kein Ritz zu erkennen.  [3294]

ProvenienzPrivatsammlung, Hessen

EUR 60.000 – 80.000
USD 66,700 – 88,900

„Melencolia I“

Auktion 340Mittwoch, den 1. Juni 2022, 15.00 Uhr

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Dürers „Melencolia I“ – Ein Symbolbild des neuzeitlichen Künstlertypus

„Dürers Meisterstich der „Melencolia“ galt von jeher als eines seiner rätselhaftesten, weil persönlichsten Werke. [...] Dargestellt ist eine reich gekleidete, mit Blüten bekränzte, geflügelte Frauengestalt. Sie sitzt, in Gedanken versunken, den Kopf schwermütig in die Hand gestützt, auf einer Stufe vor einer Mauerecke. Grübelnd hockt sie inmitten eines chaotischen Durcheinanders von Gegenständen und Geräten, die wie zufällig auf einer Baustelle liegen blieben. Achtlos hält sie einen Zirkel in der Rechten und ein Buch im Schoß. Zu ihren Füßen schläft eingerollt ein erbärmlich abgemagerter Hund. Er verstärkt den Eindruck quälender Untätigkeit, den auch der auf einem Mühlstein sitzende Putto mit seinem eifrigen Kritzeln auf ein Täfelchen nicht zu überspielen vermag. Am Nachthimmel erscheinen bedrohliche Zeichen: ein Komet und ein Regenbogen. Auf den ausgespannten Flügeln einer Fledermaus steht der Titel: MELENCOLIA I. Das frostig-fahle Zwielicht der nächtlichen Szenerie lässt die Gegenstände einander fremd erscheinen. Ihres Gebrauchswertes beraubt, werden sie fragwürdig und problematisch – ein großes Bilderrätsel.“
„Die Begriffs- und Bedeutungsgeschichte der Melancholie [...] zeigt einen entscheidenden Wandel in der Epoche Dürers. Galt die vom Überfluss an schwarzer Galle herrührende Melancholie dem scholastischen Mittelalter als eine der Todsünden, der die schwermütige Untätigkeit, die Trägheit des Herzens – heute würde man sagen: die Depression – zugeordnet ist, so fand der humanistisch-neuplatonische Philosoph Marsilio Ficino (1433-1499), zu einer positiven Deutung der Melancholie. Für ihn war die unentschiedene Tatenlosigkeit des Melancholikers nicht mehr Symptom einer krankhaften Komplexion, sondern gewissermaßen ein Berufsleiden des geistig angestrengten, denkenden Menschen. Gerade der bildende Künstler an seinem Platz zwischen handwerklicher Fertigkeit und intellektuell-kreativer Kenntnis war deshalb notwendigerweise dem Einfluss der Melancholie und des Planeten Saturn ausgesetzt.“
Zit. aus: Rainer Schoch. Wie Albrecht Dürer mit seinem Symbolbild den neuzeitlichen Künstlertypus definierte. Grisebach, Auktionskatalog Nr. 319, Los 48.

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