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Herbstauktionen 2020

Zeitgenössische Kunst

716

Rudolf Polanszky

Wien 1951 – lebt in Wien

Reconstructions / Dark Mirrors. 2017

Spiegelfolie, Silikon, Acrylglas, Kunstharz und Acryl auf Holz. 123 × 103 cm. (48 ⅜ × 40 ½ in.) Rückseitig mit Filzstift in Schwarz signiert und datiert: Polanszky 17.  [3575] Im Künstlerrahmen 

ProvenienzPrivatsammlung, Österreich

EUR 25.000 – 35.000
USD 29,400 – 41,200

Verkauft für:
53.750 EUR (inkl. Aufgeld)

Reconstructions / Dark Mirrors

Auktion 327Freitag, den 4. Dezember 2020, 18.00 Uhr

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Das ungewöhnliche Werk von Rudolf Polanszky ist die österreichische Wiederentdeckung der letzten Jahre. Polanszky hat seit Mitte der 1970er-Jahre nicht nur ein bedeutendes künstlerisches Œuvre geschaffen, er ist zudem eine eindrucksvolle Persönlichkeit. Zeitlebens arbeitet der Künstler in Wien sowie in Großengersdorf im Weinviertel. Sein Schaffen wurde oft zu verknappt in der Nachfolge des Wiener Aktionismus interpretiert, dabei spannt es sich von konzeptuellen Film- und Fotoarbeiten bis zu seinen aktuellen plastischen und malerischen Werken, zu denen auch unser Werk aus der Gruppe der „Reconstructions“ zählt.
Polanszky, 1951 in Wien geboren, beginnt seine künstlerische Karriere als Autodidakt. Sein damaliger Gestaltungsansatz ist frei von der Absicht, mit seinen Kreationen Erkenntnisprozesse in Gang setzen zu wollen. Vielmehr findet er Gefallen an der Frage, wie er durch regelloses Arbeiten die Irrationalität von Kunst ausdrücken kann. Polanszky studiert mit Vorliebe Aspekte des Zufalls und der Wiederholung, die sowohl im Schaffens- als auch im Rezeptionsprozess an der Konstruktion von Sinn beteiligt sind.
Im Zuge des gemeinsamen Alkoholkonsums lernt er Franz West kennen, mit dem er Anfang der 1980er-Jahre nicht nur sein Atelier teilt, sondern auch kollaboriert. Beide verbindet nicht nur der radikale Ansatz, etablierte Strukturen zu hinterfragen, auch fanden sie im Humor und in der Absurdität die Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Für seine „Sprungfederzeichnungen“ (1983–1985) war West Polanszky behilflich, seinen Sitz an der Sprungfeder zu befestigen. In dieser frühen experimentellen Versuchsanordnung zeigt sich, wie Polanszky durch Sinn-losigkeit und Zweckentfremdung die Konstruktion einer bestimmten Ästhetik vermeiden will. Der satirische Kommentar auf das Informel ist kunsthistorischer Beifang.
Seit den Neunzigerjahren beschäftigt sich Polanszky überwiegend mit Materialassemblagen, zunächst für seine Wandobjekte, später auch in raumgreifenden Skulpturen: 1991 beginnt er mit den sogenannten „Reconstructions“, für die er auf sorgfältig ausgewählte Abfallmaterialien von Schrottplätzen und Reste aus anderen Werken zurückgreift. Dabei geht es ihm zumeist um die Verwirklichung abstrakter Ideen oder auch um die Darstellung wissenschaftlicher oder mathematischer Theorien, die er kontinuierlich studiert. Für diese Werke findet er die wundervolle Bezeichnung der „Ad-hoc-Synthesen“, da hier verschiedene, von ihrem Gebrauchswert befreite und von der Zeit gezeichnete Materialien wie Acrylglas, Spiegelfolien, Metallplatten oder Schaumstoffe mit Silikon und Zweikomponentenkleber zusammenkommen. „Ich will daraus keinen Nutzen erzielen und wähle das Material intuitiv aus, am liebsten eben gebrauchtes, da es von seinem Zweck befreit ist. Für andere ist es Abfall, für mich hat es eine wunderbare Ästhetik, weil es eine Geschichte hat, die in meiner Vorstellung mit einer Interpretation verbunden ist. Ich sehe nicht die alte Dachrinne, sondern eine schöne Krümmung, Verfärbung oder Ähnliches und nutze es als Qualität für etwas Neues, indem ich es zerschneide und umforme. Dieses Transformieren und Gestalten des Materials hilft mir, meine Gedankenstruktur anders zu organisieren, mich der strengen Maßgabe der Sinn- und Zweckorientierung zu entledigen.“ (Polansky im Gespräch mit Alexandra Schantl, in: Schantl, Alexandra (Hg.): Rudolf Polanzsky. Translineare Strukturen, Kerber Verlag, Bielefeld 2015, S. 18)
Bei der Betrachtung von „Reconstructions/Dark Mirrors“ (2017) bemerken wir, wie selbst die abgeschlossenen Werke Polanszkys noch in diesem „state of flux“ verweilen, wie sie durch die Spiegelung ihrer Oberfläche die Betrachter*innen aufnehmen und sich in die Umgebung integrieren. Da es sich bei diesen Assemblagen niemals um eine figürliche Darstellung von Realität handelt, sondern um die Übersetzungen mentaler Zustände, sind diese Bilder interpretationsoffen. Um sie angemessen wahrzunehmen, müssen wir versuchen, sie zurückzuübersetzen. In diesem Rekonstruktionsprozess, den wir alle tagtäglich erleben, ist alles, was uns in den Sinn kommt, legitim und so richtig wie falsch. „Ich bin also auf die Idee gekommen, dass alles, was ich tue, eine Rekonstruktion ist. [...] Dabei gibt es auch keine Idee, etwas zu finden, das besser zur Arbeit passt – es gibt keinen Begriff ‚korrekt‘. ,Korrekt‘ ist der Feind, denn ,korrekt‘ ist eine angepasste Qualität, bei der gesagt wird, ,wie es sein sollte‘. Ich weiß nicht, was ,sein sollte‘. Und das ist es, was ich gesucht habe, was ich ,Freiheit‘ nannte. Diese Freiheit, etwas zu tun, was keinen Namen hat. [...] Weil ich nicht von hier nach dort gelangen will, ist es einfach ein anderes Spiel.“ CG

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