Lupe Stift

Sommerauktionen 2020

Von Dürer bis Balkenhol – Ausgewählte Werke

14

Grethe Jürgens

Holzhausen bei Osnabrück 1899 – 1981 Hannover

Porträt Gerta Overbeck. 1929

Öl auf Leinwand. 42,5 × 36 cm. (16 ¾ × 14 ⅛ in.) Oben rechts signiert: JÜRGENS. Auf dem Keilrahmen ein von der Künstlerin ausgefülltes Adress-Etikett. Retuschen.  [3568] Gerahmt 

ProvenienzGerta Overbeck, Hannover (wohl bis 1977) / Privatsammlung, Berlin

EUR 60.000 – 80.000
USD 64,500 – 86,000

Verkauft für:
162.500 EUR (inkl. Aufgeld)

Porträt Gerta Overbeck

Auktion 319Donnerstag, den 9. Juli 2020, 18.00 Uhr

Los empfehlenLos notieren

AusstellungGrethe Jürgens. Gerta Overbeck. Bilder der zwanziger Jahre. Bonn, Kunstverein, 1982, Kat.-Nr. 33, Abb. auf der Vorderseite des Umschlags / Grethe Jürgens zum 100. Geburtstag. Osnabrück, Kunstgeschichtliches Museum, 1999, Kat.-Nr. 42, Abb. S. 16 / „Der stärkste Ausdruck unserer Tage“. Neue Sachlichkeit in Hannover. Hannover, Sprengel Museum, 2001/02, Kat.-Nr. 76, Abb. S. 137

Literatur und AbbildungHarald Seiler: Grethe Jürgens. Göttingen-Berlin-Frankfurt-Zürich, Musterschmidt-Verlag, 1976, S. 12, S. 32 u. S. 43, Abb. 39 / Heike Scholz: Am Rande des Blickfeldes. Grethe Jürgens – eine Künstlerin der zwanziger Jahre in Hannover. Köln 1999, S. 107-108, Abb. 42 (= Marburg, Univ., Phil. Diss., 2000)

Film: Dr. Markus Krause zu Werken der Neuen Sachlichkeit

Bis heute spielen die Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit eine unterschätzte Rolle, dabei sind sie diejenigen, die aus weiblicher Perspektive das Phänomen der „Neuen Frau“ überhaupt erst beleuchteten, ohne die Stereotypen der männlichen Kollegen zu reproduzieren. Schon aus ureigenem Interesse war Malerinnen wie Grethe Jürgens und Gerta Overbeck daran gelegen, Frauen mal nicht als schnürgestiefelte Objekte des Begehrens zu zeigen und ihnen Räume zuzugestehen, die außerhalb der Dachkammern existierten, in denen die Künstler gern ihre Lustmordfantasien ansiedelten.
In unserem Bildnis der Gerta Overbeck sind gleich zwei Künstlerinnen präsent, die Malerin selbst und die Porträtierte. Dabei nimmt die Hannoveranerin Grethe Jürgens den Begriff Sachlichkeit überaus ernst. Sie zeigt uns das Antlitz ihrer Freundin und Kollegin in strenger Frontalansicht und vermeidet jeden Anflug von Emotionalität. Damit unterläuft Jürgens traditionelle, dem „Weiblichen“ zugeschriebene Verhaltensmuster, ohne lautstark eine Antithese zu propagieren. Mehr als
ein persönliches Porträt zeigt dieses Bild den Typus der ernsten und unerschrockenen Frau, die sich ihrer sicher ist und sich nicht länger mit Fragen der Abgrenzung aufhalten will.
Die naive Anmutung des Bildnisses ist nur eine scheinbare, das sorgsame Stricheln des Bildhintergrundes, der penible Nachvollzug der einzelnen Fäden der Jacke und die feinen, parallelen Linien der Haare setzen sich bewusst vom politisch-sozialen Pathos des Verismus ab. Diese Malerei will nicht schonungslos sein, sondern wirklich und wahrhaftig sachlich-kühl.
Beide Künstlerinnen waren berufstätig in der wirtschaftlich unsicheren Zeit der 1920er-Jahre, Grethe Jürgens als Reklamezeichnerin und Gerta Overbeck als Zeichenlehrerin an verschiedenen Schulen. Und doch interessiert sich Jürgens im Bildnis ihrer Freundin nicht für das relativ neue Phänomen der berufstätigen Frau. Sie malt kein Repräsentationsbildnis. Die Dargestellte steht für sich selbst und sie ist aufmerksam, ihre Augen zeigen, dass sie keiner hinters Licht wird führen können. Die ged.mpfte, wie heruntergedimmte Farbigkeit betont die Sachlichkeit der Darstellung. Mit diesem ikonischen Porträt hat Grethe Jürgens mehr
Unabhängigkeit demonstriert, als so manchem Zeitgenossen lieb gewesen sein dürfte. MS

* Wichtige Künstlerin der Hannoveraner Neuen Sachlichkeit
* Werke dieser Qualität von Grethe Jürgens sind überaus selten auf dem Kunstmarkt
* Verkörperung eines neuen, selbstbewussten Frauenbildes

Irrtum vorbehalten - wir verweisen auf unsere Versteigerungsbedingungen.