Lupe

Herbstauktionen 2020

Kunst des 19. Jahrhunderts

213

Adolph Menzel

Breslau 1815 – 1905 Berlin

Studie eines sitzenden, bärtigen Mannes und eines stehenden Offiziers. 1898

Bleistift, teilweise gewischt, auf Velin. 18,4 × 12,2 cm. (7 ¼ × 4 ¾ in.) Rechts unten monogrammiert und datiert: A. M. / 98.  [3027] Gerahmt 

ProvenienzPrivatsammlung, Süddeutschland / Le Claire Kunst, Hamburg (2011) / Privatsammlung, Norddeutschland

EUR 15.000 – 20.000
USD 17,600 – 23,500

Studie eines sitzenden, bärtigen Mannes und eines stehenden Offiziers

Auktion 322Mittwoch, den 2. Dezember 2020, 15.00 Uhr

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Wir danken Dr. Claude Keisch, Berlin, für die Bestätigung der Authentizität der Zeichnung.

Literatur und AbbildungKatalog 29: On Paper. Four Centuries of Master Drawings. Hamburg, Le Claire Kunst, Kat.-Nr. 32, m. Abbildung

In seinem 83. Jahr malte Menzel längst nicht mehr in Öl, hatte auch die Druckgrafik aufgegeben und vollendete nur noch sehr sporadisch kleine Gouachebilder; sein tägliches Ausdrucksmittel aber blieb die Kombination von Zimmermannsstift und Estompe – dem ledernen Wischer. Von den vielen Zeichnungen dieser späten Jahre sind nur wenige als in sich geschlossene „Bilder“ angelegt, die meisten präsentieren sich, wie die hier vorgestellte, als „Studien“.
Man erkennt leicht, dass der Offizier zuerst gezeichnet wurde – vielleicht unter den Gästen einer Abendgesellschaft bemerkt und für eine halbe Stunde ins Atelier geladen. Gewissenhaft legt er die Hände auf eine Stuhllehne, um leichter die Pose zu halten. Das Profil ist um ein Geringes weggewendet. Es könnte gerade der mürrische Ernst seines glatten Gesichts sein, das Überwiegen des Typus gegenüber dem Individuum, was den Künstler – Fontanes „Stechlin“ steht kurz vor der Vollendung – gereizt hat. Jedenfalls interessiert ihn, wie immer vor allem der Kopf, denn alles andere ist nur andeutend hingewischt und -gestrichelt.
Wie zum Ausgleich bietet sich für die leer gebliebene Ecke eine pittoreskere Gestalt an, ein stämmiger Alter, der mitbringt, was Menzel besonders anzieht: zerfurchte Züge, tiefe Augenhöhlen und vor allem reichlich Bart und Haar. Sicher gehört er zu den vielen halbprofessionellen Modellen, die auf der Hintertreppe des berühmten Künstlers auf ihre Chance warten: mit Vorliebe alte Menschen, deren Schicksale unergründet bleiben, deren Namen mit drei oder vier Ausnahmen nicht überliefert sind. Der Alte, das verlorene Profil schräg in die Tiefe gekeilt, jedoch in unerwarteter Richtung, erreicht mit dem Niemandsland zwischen Schläfe und Haaransatz die vordere Bildebene – ein raumverdrängendes Schwergewicht, das aus dem Hintergrund, wo man beim ersten Hinsehen seinen Platz vermutet, ungeniert nach vorn drängt und sich, im modellierenden Dialog von Wischer und Bleistift immer präsenter werdend, ein eigenes Bruchstück aus dem Bildraum herausbricht. Den Zeichner hat, wie so oft, ein donjuaneskes Ungenügen an der immer begrenzten Bilderernte (mit Schillers Jüngling zu Sais gesprochen: „Was hab’ ich, wenn ich nicht Alles habe?“) in diese nicht geplante Situation geführt, und ganz zum Schluss wird er sie eilig durch zwei Linien gleichsam besiegeln, zwei mit der scharfen Kante seines Zimmermannsstifts hingeritzte Randlinien, die untere schräg, um denn doch die Hände des Offiziers zu schonen.
So viel des Spontanen und Provisorischen. Den Weg aus dem Ateliermonolog in die Öffentlichkeit eröffnet erst die Signatur. Dabei bewahrt der Zeichner vorsätzlich, die unfertigen Stellen und die keineswegs vertuschte Planänderung bekunden es, den Status der „Studie“.
Einer Studie, doch wozu? Ein zugehöriges „fertiges“ Werk ist nicht bekannt, so wenig wie zu zahllosen anderen späten Blättern, die Menzel 1892 „Gelegenheitssache für eventuell“ nennt. Doch die „Gelegenheit“ zum komponierten Bild, er weiß es längst, macht sich immer rarer, und ohne ein „fertiges“ Werk oder gar nicht eine Motivsammlung anzustreben, tastet er sich in immer tiefere, vielleicht dunklere Schichten der eigenen Neugier auf Menschen und Formen.

Dr. Claude Keisch

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