Lupe

Herbstauktionen 2020

Von Beuys bis Liebermann – Ausgewählte Werke

34

Anselm Kiefer

Donaueschingen 1945 – lebt in Paris

„Die Ungeborenen“. 2002

Fotografie collagiert mit Blei und Glas. 60,5 × 94,5 cm. (23 ⅞ × 37 ¼ in.) Oben links betitelt: die Ungeborenen.  [3637]

ProvenienzPrivatsammlung, Bayern

EUR 70.000 – 90.000
USD 82,400 – 105,900

Verkauft für:
71.153 EUR (inkl. Aufgeld)

„Die Ungeborenen“

Auktion 324Donnerstag, den 3. Dezember 2020, 18.00 Uhr

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Anselm Kiefer gilt international als einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler. In seinen monumentalen Bildern, Skulpturen und Installationen behandelt er unter Bezugnahme auf Mythologie, Religion, Literatur, Philosophie und Kunst essenzielle Fragen nach Geschichte, Schöpfung, Ursprung und Zerstörung. Dabei wenden sich die bildgewaltigen Werke ihren aufgeladenen Themen auf gleichsam spektakuläre wie riskante Weise zu, indem sie das historisch-mythische Moment mit der neueren Geschichte und der Gegenwart reagieren lassen. Die von Anselm Kiefer verwendeten Materialien wie Blei, Erde, Sand, Steine, Bücher, Stacheldraht und getrocknete Blumen bestimmen die Farb- und Oberflächenqualität der Arbeiten und besitzen eine immense, mit Bedeutung auf- geladene ästhetische Kraft.
Das Thema der „Ungeborenen“ spielt ab 2001 eine wichtige Rolle im Schaffen Kiefers. Der Ausdruck bezeichnet für den Künstler vor allem den Zwischenzustand zwischen Noch-nicht-geboren-sein und Geboren-werden, ein Zustand, in welchem „der wahnhafte Wunsch, ungeboren zu sein“ (Anselm Kiefer), zum Ausdruck gebracht wird. Dieser Zustand wird von Kiefer mit dem Schwebezustand gleichgesetzt, in welchem sich die am Höllenrand auf den Einlass ins Himmelreich wartenden Seelen befinden. Die narrative Grundlage für die Arbeiten bilden auch die Erzählungen rund um die Figur der Lilith, einer Dämonin aus der jüdischen Mystik, welche neugeborene Kinder entführt. Weitere Quellen lieferten das Neue Testament sowie die alchemistische Legende des Golem, der Mythos der Geburt der Venus und mittelalterliche Überlieferungen zum Mutterkorn.
Für unser Werk ergänzt Anselm Kiefer eine abstrakt wirkende Fotografie von farnartigen Pflanzen mit kleinen, weißen Kleidern aus Blei, die über das Bild verteilt sind, sowie mit Zahlen, Fragmenten von Buchstaben und dem in Handschrift aufgebrachten Bildtitel. Die Kleider erscheinen wie die Totems ungeborener Leben und rufen in Verbindung mit den Zahlenfolgen Assoziationen zum Holocaust wach. Die Farne hingegen wirken wie unbeherrschbare Trugbilder, wie verwischte Erinnerungen an etwas Unbestimmtes. Als wiederkehrendes Motiv im Werk Kiefers verweist der Farn als Symbol zum Schutz gegen böse Geister auf diverse literarische und mythische Quellen. So eröffnet sich dem Betrachter ein Prozess von gedanklichen und materiellen Ablagerungen, Überkreuzungen und Überarbeitungen in Form von labyrinthischen Assoziationsebenen, die sich sowohl aus dem Bewusstsein von Geschichte speisen wie auch das Unbegreifliche und das Nicht-Darstellbare ins Bildgeschehen mit einbringen. AR

* Ein Werk mit tiefen historischen Wurzeln aus dem berühmten Zyklus „Die Ungeborenen“
* Gelungene Verbindung von Stimmung und kritischer Analyse

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