Lupe

Kataloge online

Kunst des 19. Jahrhunderts

189R

Dr. Richard Gustav Neuhauss

Blankenfelde 1855 – 1915 Groß-Lichterfelde

„Wolken-Atlas. Taf. VII, N°1. Wolkenform: Fracto-Nimbus“. 1889

Vintage. Albuminabzug. 11,5 × 18,5 cm. (4 ½ × 7 ¼ in.) Vintage. Albuminabzug. 11,5 × 18,5 cm (4 ½ × 7 ¼ in.). Im Bild unten links Prägestempel: „Dr. R. Neuhauss Berlin“. Auf schwarzen Originalkarton mit Goldrand (13,4 x 21,4 cm) aufgezogen, darauf rückseitig mit schwarzer Tinte signiert, datiert: „Berlin 20.6.1889“, betitelt und bezeichnet. Photographenstempel: „Dr. R. Neuhauss, pract. Arzt, Berlin S.W. Dessauerstr. 16" sowie Stempel: „KÖNIGL. PREUSS. METEOROLOGI- SCHES INSTITUT BERLIN". Von unbekannter Hand mit Bleistift beziffert: „15361".  [2017]

EUR 3.000 – 5.000
USD 3,330 – 5,560

„Wolken-Atlas. Taf. VII, N°1. Wolkenform: Fracto-Nimbus“

Auktion 340Mittwoch, den 1. Juni 2022, 15.00 Uhr

Gebot im NachverkaufLos empfehlen

Zustandsbericht anfordern

„Es ist gewiss etwas sehr Geheimnisvolles in den Wolken [...] und eine gewisse Bewölkung hat oft einen ganz wunderbaren Einfluss auf uns. Sie ziehen und wollen uns mit ihrem kühlen Schatten auf und davon nehmen, und wenn ihre Bildung lieblich und bunt wie ein ausgehauchter Wunsch unseres Innern ist, so ist auch ihre Klarheit, das herrliche Licht, was dann auf Erden herrscht, wie die Vorbedeutung einer unbekannten, unsäglichen Herrlichkeit.“
Novalis' Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ von 1800 ist nicht nur eine poetische Ode an die Wolken, es predigt auch ein universalistisches Verständnis von Mensch und Natur. Berühmt das dort beschriebene Motiv der blauen Blume, das Symbol der Romantik. Ein Motiv, das bei aller metaphysischen Bedeutung das grundsätzliche Streben des Menschen nach Erkenntnis verkörpert. Die Hervorhebung der Wolken kommt nicht von ungefähr. Schon der antike Philosoph Lukrez hat in dem Lehrgedicht „Über die Natur der Dinge“ deren Entstehung untersucht und zugleich ihre imaginative Kraft beschworen. Ratio und Poesie, wissenschaftliche Neugierde und menschliche Einbildung sind auch die zentralen Eckpfeiler der Wolkenbegeisterung im 19. Jahrhundert. Angefangen bei Novalis und Goethe bis zu Malern wie John Constable, Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus oder William Turner zieht sich durch die gesamte Epoche eine Himmels- und Wolkensehnsucht, die ihresgleichen sucht. Dabei überrascht die Akribie und Systematik, mit der bereits Alexander Cozens im Jahrhundert zuvor den vergänglichen Regengebilden zeichnerisch zu Leibe rückte und so zusammen mit Luke Howard eine wichtige Blaupause für die Himmelswelten der romantischen Malerei schuf. Diese Wolkenverrücktheit des 19. Jahrhunderts schlägt sich ebenfalls in der Meteorologie nieder, die die Morphologie der Wolken auf das Genaueste zu klassifizieren versuchte. Wegweisend hierbei die Rolle der Photographie. Während die um 1856 entstandenen Seestücke Gustave Le Grays noch einem romantischen Bildverständnis verpflichtet sind und mittels des Einkopierens zweier Glasnegative Himmel und Meer fotografisch in Einklang setzen, folgt 1879 der erste Wolkenatlas mit 16 eigenständigen Bildtafeln des Fotografen Henri Osti. Publiziert von dem schwedischen Meteorologen Hugo H. Hildebrandsson, zeigt sich hier eine grundlegend neue Herangehensweise der Wissenschaft im direkten Austausch mit der damaligen Amateur- und Berufsfotografie. Wie schon in den künstlerischen Studien von Conzens, Constable und Howard steht dabei die vornehmliche Perspektivierung der Wolken im Vordergrund. Nichts sollte den Blick ablenken von Sonne, Licht und Schatten, von der Formation und Dichte der Wolken. Dieses Credo der reinen Form und atmosphärischen Stimmung ist in den Fotografien von Richard Neuhauss mustergültig und visuell eindrucksvoll umgesetzt [Lose 189 u. 190]. Alle sechs Tafeln sind auf der Rückseite fachwissenschaftlich genau betitelt und datiert. In seinem Aufsatz „Wolkenphotographie“ – 1883 zunächst in der „Photographischen Rundschau“ und 1894 in einer eigenen Monografie veröffentlicht – beschreibt Neuhauss detailliert die enormen technischen Herausforderungen an das damals noch relativ junge Medium. Man sollte seine Aufnahmen dennoch nicht als ausschließlich naturwissenschaftliche Illustrationen interpretieren. Auch sie sind Teil einer poetischen Inszenierung der Natur, wie sie durch die Romantik so stilbildend in das 19. Jahrhundert hineingetragen wurde. Das Kitzeln der Kamera durch die Wolken, es fußt nicht nur auf den Fundamenten von Kunst, Philosophie und Wissenschaft, es ist Ausdruck einer grundsätzlichen Sehnsucht des Menschen, hinter den Schleier der Welt zu schauen.
Im 20. Jahrhundert setzt Alfred Stieglitz das Erbe von Neuhauss fort. Seine „Equivalents“ (1923–1931), von ihm selbst als „Fenster in ein großes Universum“ bezeichnet, sind mehr als eine Fotografie der Fotografie. In ihrer Selbstreferenz, in ihrer Dopplung der Welt betonen sie im Sinne von Lukrez die kosmologische Dimension der Wolken. Stieglitz befreit damit die Fotografie in der Deutung von Philippe Dubois von ihren „bleiernen Sohlen“ und verleiht ihr „Flügel“. SM

Irrtum vorbehalten - wir verweisen auf unsere Versteigerungsbedingungen.