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Kunst des 19. Jahrhunderts

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Franz und Johannes Riepenhausen (Göttingen 1786 bzw. 1787 - 1831 bzw. 1860 Rom)

Raffaels Traum. 1822

Öl auf Leinwand. 67 × 55,5 cm. (26 ⅜ × 21 ⅞ in.) [3270] Gerahmt 

ProvenienzPrivatsammlung, Niedersachsen

EUR 6.000 – 8.000
USD 6,670 – 8,890

Raffaels Traum

Auktion 340Mittwoch, den 1. Juni 2022, 15.00 Uhr

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AusstellungDresden, Königlich Sächsische Akademie der bildenden Künste, 1822 (nicht im Katalog)

Literatur und AbbildungWiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode, 31.10.1822, S. 1056(?) / Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz, 14.4.1823, S. 88 (?) / Friedrich von Boetticher: Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts. 4 Bände. Dritter, unveränderter Nachdruck, Hofheim am Taunus, H. Schmidt & C. Günther, 1979 (zuerst Fr. v. Boetticher's Verlag, Dresden 1891– 1901), hier zweiter Band (erste Hälfte), S. 434 (Franz Riepenhausen), unter Nr. 2 erwähnt (?) / Andreas Stolzenburg: Zum Raffael-Kult des 19. Jahrhunderts. Im Ausst.-Kat.: Raffael. Wirkung eines Genies. Hamburg, Hamburger Kunsthalle, Hubertus-Wald-Forum, 2021, S. 47ff., hier S. 54, Abb. 7, S. 56 u. S. 89, Anm. 75 (nicht ausgestellt)

Ein Akt göttlicher Inspiration

Thematisch kreist das vorliegende Gemälde um die vielleicht berühmteste Leerstelle der Kunstgeschichte – oder werden vielmehr wir zu Zeugen davon gemacht, wie ebendiese Leerstelle durch einen Akt göttlicher Inspiration gefüllt wird. Die in der Romantik beliebte Vision Raffaels, der im Traum die Madonna erblickt, die sich dann auf seinem Gemälde materialisiert, ist ein Schlüsselmoment nazarenischer Wahrheitserfahrung. Die in Rom arbeitenden Brüder Riepenhausen haben das auf Wilhelm Heinrich Wackenroders Erzählung „Raffaels Erscheinung“ aus den „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ (1797) zurückgehende Traumgesicht Raffaels gleich mehrfach bearbeitet. Ein 1821 angefertigtes Aquarell gelangte in den Besitz Bertel Thorvaldsens; zudem waren bisher zwei Gemäldefassungen bekannt, die eine in der Sammlung des Grafen Athanasius Raczynski in Berlin (heute Poznán, Nationalmuseum), die andere in der Sammlung des Senators Martin Johann Jenisch in Altona. Die vorliegende Fassung variiert die Komposition jedoch zum Hochformat. Sie lässt sich mit demjenigen „Bildchen“ identifizieren, das die Brüder Riepenhausen als verkleinerte Wiederholung ihrer ursprünglich im Galerieformat ausgeführten Komposition 1822 auf die Kunstausstellung in Dresden gegeben hatten. Wir haben es mit einem Programmbild der deutsch-römischen Maler in der Romantik zu tun. Es entwirft das Wunschbild vom Leben und Arbeiten des Künstlers, wie es in der harten Gegenwartserfahrung der beginnenden Moderne kaum existierte. Raffael ist bei der Arbeit an einem Madonnenbild vor der Staffelei eingeschlafen. Die sich links auf der Leinwand abzeichnenden Figuren kreisen um eine leere Mitte, nämlich die Madonna selbst, die vom Künstler nur durch den Empfang von göttlicher Gnade gemalt werden kann. Bezeichnenderweise - so konkret war diese Vision in der literarischen Vorlage Wackenroders noch nicht – ist es die „Sixtinische Madonna“, die sogenannte Madonna der Deutschen in Dresden, die hier auf der Leinwand entsteht. Die Erscheinung der Jungfrau mit dem Kind, die Raffael im Schlaf ereilt, ist die entscheidende Inspiration, welche die Brüder Riepenhausen als eine religiöse Erfahrung, nämlich als Traumvision, wie sie sonst nur Heiligen widerfährt, inszeniert haben. Mit dieser Vorstellung wird Raffaels Malerei aus dem Zuständigkeitsbereich der Kunst entlassen. Sie dient Höherem und ist zugleich das Produkt der intensiven religiösen Erfahrung einer ausgesprochen empfindsamen Seele: Raffael hat seine Inspiration wahr empfunden und kann nur aus diesem Grund ein Werk wie die „Sixtinische Madonna“ schaffen, das die Kunstreligion der deutschen Romantik wie kaum ein anderes Gemälde stimuliert hat. Michael Thimann

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