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Kunst des 19. Jahrhunderts

164

Adolph Menzel

Breslau 1815 – 1905 Berlin

Morgens früh im Nachtschnellzug. 1877

Tuschpinsel und -feder sowie Bleistift, mit Deckweiß gehöht, auf leichtem Karton, auf blauen, leichten Karton aufgezogen. 26,2 × 34,4 cm. (10 ⅜ × 13 ½ in.) Oben links signiert, bezeichnet und datiert: Ad: Menzel Berl: 1877.  [3266]

ProvenienzAdolph Thiem, Berlin (am 5.11.1878 vom Künstler erworben) / Albert Wolff, Paris (spätestens 1885 bis 1891) / Kunst- und Verlagshandlung R. Wagner, Berlin (Inh.: Hermann Paechter, Berlin; spätestens 1895, bis 1902) / Galerie Heinemann, München (Nr. 6851: Im Eisenbahn-Coupé, 22 x 35 cm; erworben am 15.12.1903) (?) / Edgar Hanfstaengl sen., München (am 7.1.1904 bei Heinemann erworben) (?) / Privatsammlung, Süddeutschland (spät. 1970, seitdem in Familienbesitz)

EUR 80.000 – 120.000
USD 95,200 – 143,000

Verkauft für:
206.250 EUR (inkl. Aufgeld)

Morgens früh im Nachtschnellzug

Auktion 328Mittwoch, den 9. Juni 2021, 15.00 Uhr

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Für die Zeichnung liegt eine Leihanfrage vom Musée des Beaux-Arts in Nantes vor für die Ausstellung „Le voyage en train / The train journey [Arbeitstitel]" (Herbst 2022).

AusstellungExposition des Œuvres de Adolphe Menzel. Paris, Pavillon de la Ville, Jardin des Tuileries, 1885, Kat.-Nr. 221 („Cinq minutes d‘arrêt“)

Literatur und AbbildungVerein Berliner Künstler (Hg.): Bausteine. Lose Blätter aus den Mappen Berliner Künstler. Zum Besten des Bestandes für Erbauung eines Künstlerhauses. Erster Jg. Berlin, 1877 (dort vom Künstler betitelt: „Morgens früh“) / F.-G. Dumas: Adolphe Menzel. Paris, Galerie des Artistes Modernes, 1885, Abb. 97 („Cinq minutes d‘arrêt“) / Adolf Rosenberg: Geschichte der modernen Kunst. Dritter Bd.: Die deutsche Kunst. Zweiter Abschnitt: 1849–1889. Leipzig, 1889, S. 208 / Max Jordan u. Robert Dohme: Das Werk Adolph Menzels. Vom Künstler autorisierte Ausg. 3 Bde. München, 1890-1905, hier Teil 1 (1890), S. 96 / Max Jordan: Das Werk Adolph Menzels. Eine Festgabe zum achtzigsten Geburtstage des Künstlers. München, 1895, S. 70 / H(ermann) Knackfuß: Menzel. Bielefeld u. Leipzig, 1895 (= Künstler-Monographien, hrsg. v. H. Knackfuß, Bd. VII), S. 80, Abb. 86, u. S. 100-101; 7. Aufl., 1906, S. 82, Abb. 86, u. S. 102; 10. Aufl., 1922, S. 91, Abb. 102, u. S. 113 / Franz H. Meissner: Adolph von Menzel. Berlin/Leipzig, 2. Tausend 1902 (= Das Künstlerbuch, Bd. VIII), S. 82 / Max Jordan: Das Werk Adolph Menzels, 1815–1890. München, 1905, S. 96 / Paul Meyerheim: Adolph von Menzel. Erinnerungen. Berlin, 1906, S. 67-69 / E. W. Bredt: Adolph Menzel. Wanderbuch. München, 1920, Abb. S. 53 („Fünf Minuten Aufenthalt“) / Elfried Bock: Adolph Menzel. Verzeichnis seines graph. Werkes. Berlin, 1923, S. 546, Nr. A 1185 (eine Photogravüre nach der Zeichnung unter „Mechanische Reproduktionen“) / Harm-Hinrich Brandt: Zug der Zeit – Zeit der Züge. Deutsche Eisenbahn 1835–1985. 2 Bde. Berlin, 1985, hier Bd. 2, S. 419 / Ausst.-Kat.: Von Caspar David Friedrich bis Adolph Menzel. Aquarelle und Zeichnungen der Romantik. Aus der Nationalgalerie Berlin/DDR. Wien, Kunstforum Länderbank, 1990, Kat.-Nr. 146 (erwähnt, nicht ausgestellt) / Gisold Lammel (Hg.): Exzellenz lassen bitten. Erinnerungen an Adolph Menzel. Leipzig, 1992, S. 189-190, Abb. S. 188 / Gisold Lammel: Adolph Menzel. Bildwelt und Bildregie. Dresden/Basel, 1993, S. 185, m. Abb. / Gisold Lammel: Adolph Menzel und seine Kreise. Dresden/Basel, 1993, S. 163 / Ausst.-Kat.: Adolph Menzel, 1815–1905. Das Labyrinth der Wirklichkeit. Paris, Musée d‘Orsay; Washington, National Gallery of Art, u. Berlin, Nationalgalerie u. Kupferstichkabinett, 1996/97, Kat.-Nr. 87 (erwähnt, nicht ausgestellt) / Claude Keisch u. Marie Ursula Riemann-Reyher: Adolph Menzel. Briefe. 4 Bde. Berlin/München, 2009 (= Quellen zur deutschen Kunstgeschichte vom Klassizismus bis zur Gegenwart, Bd. 6), hier Bd. 3, Brief 1103, S. 922-923, hier S. 923 (an F. Bruckmann, 21.11.1881) / Ausst.-Kat.: Blinde Blicke. Sehen und Nicht-Sehen bei Adolph Menzel. Berlin, Kupferstichkabinett, in der Alten Nationalgalerie, 2015/16, S. 53, Anm. 18 (erwähnt, nicht ausgestellt)

Einen so raumverdrängenden Rüpel wird man in der deut- schen Kunst bis George Grosz schwerlich wieder antreffen. Die derangierte Gestalt, womöglich ein Großbauer, zeigt sich, wenn auch nur in Rückansicht, so doch aus bedrängender Nähe: mit schnaufendem Gähnen und Strecken, mit dem kreischenden Dreiklang von zerrauftem Haar, zerzaustem Schnurrbart und zerknülltem Tascheninhalt. Ringsum, bildfüllend, das lieblos verstreute, zerdrückte Alltags-Allerlei: ein Albtraum Menzelscher Kunst. Hinter ihm, abgewandt, eine schlafende Matrone: mitreisender Hausgeist oder zufällige Platznachbarin. Von draußen – in dem ganglosen Eisenbahnwagen hat jedes Coupé seinen eigenen Einstieg – dringt mit dem mürrischen Kaffeekellner die Morgenkälte herein und veranlasst die junge Frau, den Kopf vorsichtig aus Stößen schützender Decken und Kissen zu strecken. Man kann nicht umhin, sie zu bemitleiden, und sie ignoriert ihren Gatten wie er sie.
Die Bahnreise, starkes Symbol des modernen Lebens und ernüchternder Gegenpol zur „romantischen Wanderung“, ist in Menzels Œuvre Jahrzehnte hindurch präsent: Besonders nahe stehen der hier vorgestellten Komposition das Pastell „Nach durchfahrener Nacht“ (1851; Grisebach, Auktion 112, Los 8; heute Chicago, Art Institute), und erst recht die Gouache „Auf der Fahrt durch schöne Natur“ (1892, Privatbesitz), die eine ganz ähnliche Situation zu einem hektischen Geflecht komischer Katastrophen erweitert.
Menzel ist der Meister des ungenierten Blicks. Nichts Peinliches ist ihm fremd. Seine Neugier versetzt einen Anblick, der jedes andere Auge beleidigen würde, auf die Bühne der Kunst, und noch in der Verwüstung erkennt seine Neugier den Stoff zu fesselnden Stillleben. „Interessant, lehrreich, sogar schwer“: Das sind für ihn Steigerungsstufen! (Brief an Otto Greiner, 6. Februar 1890) Wie zu einem Triptychon ist die Szene senkrecht gedrittelt: der Mann – die Frau – der Kellner in der Tür. Die feinen Grauwerte, die auf den ersten Blick nur sorgfältig getuscht zu sein scheinen, erweisen sich bei näherem Hinsehen als eine unorthodoxe Materialmischung: Die Lavierung liegt über verriebenem Graphit und setzt für Materialangaben ein überraschend dichtes Federgestrichel ein, dazu Deckweiß. Dabei bleibt alles in den Grenzen des Grau. Obwohl die Ästhetik der Grisaille, auf die Menzel in den Siebzigerjahren gern zurückgriff, um Jahrhunderte älter ist, hatte sich im 19. Jahrhundert die fotografische Reproduktion ihrer sofort bemächtigt. Mehrere andere Motive malte Menzel eigens „zum Zweck der Photographie“ oder zur Reproduktion durch den Tonholzschnitt Grau in Grau in Öl, Gouache oder Tusche: so für den Illustrationszyklus zu Kleists „Zerbrochenem Krug“ im selben Jahr, in dem unsere Komposition entstand, und in derselben Mischtechnik ...

Den Begleittext von Claude Keisch hier weiterlesen

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