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Ernst Barlach

Wedel 1870 – 1938 Rostock

„Der Sänger“. 1931

Eichenholz, vom Künstler auf Holzsockel montiert. Maße mit Sockel: 119,5 × 28 × 20 cm (47 × 11 × 7 ⅞ in.).
Auf diesem Bild ist das folgende Kunstwerk zu sehen: Ernst Barlach. „Der Sänger“. 1931.

Hintergrund:

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Schätzung:

EUR 200.000

 

- 300.000

USD 225.000

 

- 337.000

Auktion 378

Do, 26.11.2026, 18:00 Uhr

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Informationen

Eichenholz, vom Künstler auf Holzsockel montiert. Maße mit Sockel: 119,5 × 28 × 20 cm (47 × 11 × 7 ⅞ in.). An der Rückseite unten signiert und datiert: EBarlach 1931. Werkverzeichnis: Laur 491 / Schult 391. Unikat. [3048]

Laut Werkverzeichnis wurden die Vorarbeiten für die Figur von Bernhard A. Böhmer nach dem Werkmodell (Laur 488) vorgenommen, während Barlach als Schöpfer die Vollendung oblag.

Galerie Ferdinand Möller, Berlin (wohl vom Künstler erhalten) / Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen (von der Vorgenannten erworben, seitdem in Familienbesitz)

Ausstellung Berliner Kunst. München, Neue Pinakothek, 1935, Kat.-Nr. 10 (als Teil von „Drei Heilige von St. Annen, Lübeck") / Ernst Barlach. Bremen, Kunsthalle Bremen, 1959, Kat.-Nr. 43

Ein Sänger für Lübeck – Ernst Barlachs Entwurf für die Katharinenkirche

„In Lübeck plant Heise für 16 Bogenfenster der Katharinenkirche Figuren von mir, und er scheint unternehmungslustig genug, es auch durchzusetzen. Mir geht bei dem Gedanken an 16 annähernd lebensgroße Gestalten die Puste aus. Aber natürlich läßt sich das Ganze in einem Anlauf machen, die Bestellungen werden gewiß nach und nach kommen“, schreibt Ernst Barlach am 22. Oktober 1929 an seinen Vetter Karl Barlach (Ernst Barlach. Leben und Werk in seinen Briefen, München 1952, S. 152).
Ausgangspunkt dieses ambitionierten Vorhabens war der Besuch des Kunsthistorikers und Direktors des Behnhauses in Lübeck, Georg Heise, bei Barlach in Güstrow im Oktober 1929, um ein gewichtiges Werk für sein noch junges Museum zu erwerben. Hierbei entdeckt er bei der Durchsicht von Zeichnungen einzelne Figuren, die im Werk Barlachs eine bevorzugte Rolle einnehmen. Und Heise entwickelt sogleich jene kühne Idee, nach der Barlach für die Blendnischen an der Westfassade der gotischen Kirche Figuren entwickeln möge. Schon kurze Zeit später entsteht eine Fassadenansicht mit zwölf Figuren, die nach Barlachs Vorstellung keinen Chor der Heiligen darstellen, sondern er skizziert „Gottsucher der leidenden Menschheit“, eine besondere Gemeinschaft von menschlichen Typen. Zu ihnen gehörten unter anderem ein Erwartender, ein Begnadeter, ein blinder Bettler auf Krücken, eine Sünderin, eine Tänzerin, eine Frau im Wind und auch ein Sänger.
Barlach geht leidenschaftlich ans Werk, fertigt Skizzen und erste Figuren im kleinen Maßstab, und sein Auftraggeber Heise veröffentlicht den „Lübecker Barlach-Plan“, so die Überschrift seines Textes in der von Ludwig Justi herausgegebenen Zeitschrift „Museum der Gegenwart“ und in weiteren aktuellen Periodika. 1930 ist der blinde Bettler auf Krücken als erste Gestalt fertiggestellt, für die weiteren Figuren sind Entwürfe und Zeichnungen vorhanden, ein Architekturmodell mit drei besetzten Nischen dient zur Anschauung. Die endgültigen Figuren sind überlebensgroß geplant, über zwei Meter hoch, gegossen und gebrannt zu dunkel glasierter Klinker.
Und nachdem sich nach anfänglicher Begeisterung in der Öffentlichkeit breite Gegnerschaft bildet, auch die Finanzierung zu scheitern droht, gestaltet Georg Heise den Auftrag mit Barlach für sich privat und bestellt jeweils zwei Figuren: eine für die Blendnische und eine zum Verkauf, um das waghalsige Projekt zu finanzieren. Der ursprünglich geplante Figurenzyklus für die Katharinenkirche konnte letztlich nur in stark reduzierter Form verwirklicht werden. Lediglich drei Figuren gelangten Anfang der 1930er-Jahre in die vorgesehenen Fassadennischen. Am Schluss wird nur die Hamburger Kunsthalle unter Gustav Pauli 1932 zwei Klinker-Figuren zu je 8.500 Reichsmark erwerben: „Frau im Wind“ und „Der Sänger“. 1937 werden auch diese beiden Terrakotten im Zuge der NS-Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt und von Bernhard A. Böhmer 1939 aus dem Konvolut der international als finanziell „verwertbar“ eingestuften Kunstwerke im Schloss Schönhausen für Güstrow erworben; sie sind heute Teil der dortigen Ernst Barlach Stiftung.
„Der Sänger“ nimmt innerhalb dieses Werkkomplexes eine besondere Stellung ein. Barlach entwickelte die Figur zunächst als kleineres plastisches Modell in Gips und ließ sie auch in Bronze ausführen. Anschließend entstand die für die Fassadennische bestimmte, mit etwa 207 cm überlebensgroße Fassung in Ton – ein herausfordernder Arbeitsgang. Bei der Übertragung in diese großformatigen Skulpturen geht Bernhard A. Böhmer, selbst ausgebildeter Bildhauer, Barlach zur Hand; eine Fotografie zeigt ihn bei der Arbeit an dem Tonmodell des blinden Bettlers.
In diesem Zusammenhang schuf Barlach auch die hier vorliegende Fassung in Holz. Sie ist mit einer Höhe von 119 cm einschließlich Plinthe mehr als doppelt so groß wie der Gips oder die Bronze: ein besonderes Unikat, weil es auch bei dieser einzig überlieferten Figur in Holz aus dem Figurenschatz für die Fassade der Katharinenkirche bleibt.
Der Bearbeiterin des Werkverzeichnis, Elisabeth Laur, zufolge soll Böhmer Barlach hier ebenfalls zur Hand gegangen sein, eine erste Rohfassung aus dem harten Eichenholzstamm herauszuschälen. Später, 1937, schildert Böhmer seinem Freund Hugo Körtzinger, ebenfalls Maler und Bildhauer, „daß er, angetrieben von der Ungeduld des Künstlers, Barlachs Tonmodelle in Holz übertrage, um dem Meister schließlich die Weiterarbeit an den vorbearbeiteten hölzernen ‚Rohlingen‘ zu erleichtern“ (zit. nach: Meike Hoffmann (Hg.): Ein Händler „Entarteter“ Kunst. Bernhard A. Böhmer und sein Nachlass, Berlin 2010, S. 7, Anm. 11). Böhmer bildete, nachdem er 1924 nach Güstrow gezogen war, mit Ernst Barlach eine nahezu symbiotische Atelier- und Lebensgemeinschaft. Nach dem Tod Paul Cassirers Anfang 1926, Barlachs einflussreichem Berliner Galeristen seit 1908, wird Böhmer Barlachs Sekretär und ist nicht nur für die Vermarktung seiner Kunst zuständig, sondern er übernimmt auch Aufgaben in seinem Atelier. Marga, Böhmers Frau, die er 1917 geheiratet hatte, ist inzwischen Barlachs Lebensgefährtin.
Nach der Scheidung 1927 leben Marga Böhmer und Ernst Barlach bis zu dessen Tod 1938 zusammen im Atelierhaus. Sie bleibt auch nach dem Krieg in Güstrow und kümmert sich bis zu ihrem Tod 1969 um den Nachlass. Bernhard Böhmer hingegen wird 1931 die Rostockerin Hella Ottes ehelichen und dennoch in der Güstrower „Ateliergemeinschaft“ mit Barlach verbleiben.
Bereits 1907/08 nimmt die Arbeit in Holz einen zentralen Platz in Barlachs bildhauerischem Schaffen ein. Neben Bronze und Keramik wird das Holz für ihn zu einem wesentlichen Ausdrucksmittel. Mit dem „Sänger“ erweist sich Ernst Barlach als herausragender Holzbildhauer, der es verstand, die Bildhauerkunst zu erneuern und bei seinen Betrachtern Emotionen zu wecken. Mario von Lüttichau

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