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Opočno 1871 – 1957 Puteaux
„Vibrantes“ („Vibrující“). 1952
Hintergrund:
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Schätzung:
EUR 150.000
- 200.000
USD 169.000
- 225.000
Auktion 378
Do, 26.11.2026, 18:00 Uhr
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Eugénie Kupka, Paris (bis mindestens 1968) / Carl Laszlo, Basel / Privatsammlung, Berlin (wohl 1971 bei Carl Laszlo, Basel, erworben)
VIII Salon des réalités nouvelles: Jubilé Kupka. Paris, Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris, 1953
Die Welt der Schwingungen – wie František Kupka Form und Farbe zum Klingen brachte
Konnte er eigentlich irgendetwas nicht? Das fragt man sich manchmal bei dem tschechischen Modernisten František Kupka, diesem Pionier der Abstraktion. Eine rhetorische Frage, denn Kupka konnte alles. Er hat die gesamte Welt aufgesogen, auch die der malerischen Stile, und dann zu Kunst verdichtet. Er malte lichtdurchlässig getupft wie die Impressionisten, modern realistisch wie Lovis Corinth und zeichnete locker-amüsant wie Toulouse-Lautrec. Er wandte sich dem Symbolismus à la Klimt zu, entwarf seine Kunst esoterisch-kosmisch wie Hilma af Klint oder später nüchtern-geometrisch wie Mondrian.
Vor allem aber verstand Kupka es, ganz er selbst zu sein. Das zeigt das Gemälde „Vibrantes“ von 1952 exzellent. Wie so viele seiner späten Werke bezieht es sich auf eine frühere Arbeit – in diesem Fall auf eine Gouache von 1922. Da hatte Kupka, aus der böhmischen Provinz stammend, in Paris schon die europäische Kunstwelt erobert. Mit einer offenen Vielfalt der Stile. Mit einem zielgerichteten Abstraktionswillen, der die Moderne voranbrachte. Mit einem Außenseitertum im Zentrum der Avantgarde. Und auch mit der Weichheit, dem Flirren seiner Persönlichkeit, die alle Formen, auch die geometrisch strengeren, in Schwingung versetzte. Er selbst brachte sein Werk mit Musik in Verbindung, etwa bei dem Bild „Les Touches de piano. Le Lac“ von 1909, das den Übergang vom Realistisch-Symbolischen zum Abstrakten markiert. Kupkas gesamtes Schaffen scheint das lyrische Fließen von Smetanas „Moldau“ und die rhythmisch moderne Urgewalt von Strawinskys „Sacre du Printemps“ spielend zu vereinen.
Am 23. September 1871 im ostböhmischen Opočno geboren, erhielt Kupka seine künstlerische Ausbildung an den Akademien in Prag (1889–1892) und Wien (ab 1892), wo er sich intensiv mit theosophischen und naturwissenschaftlichen Schriften auseinandersetzte. Im Frühjahr 1896 übersiedelte er nach Paris, verdiente seinen Lebensunterhalt als Buchillustrator und Karikaturist. 1906 zog Kupka in den Pariser Vorort Puteaux. Er wurde zum Weggefährten der Brüder Jacques Villon, Raymond Duchamp-Villon und Marcel Duchamp sowie von Robert Delaunay, Fernand Léger und Francis Picabia. Im Herbstsalon 1912 stellte Kupka seine epochalen Gemälde „Amorpha – Fugue à deux couleurs“ und „Amorpha – Chromatique chaude“ aus. Seine Gedanken zu dieser neuen, ungegenständlichen Malerei fasste er 1913 in der Schrift „Die Schöpfung in der bildenden Kunst“ zusammen, die allerdings erst zehn Jahre später erschien.
Sein wichtigster früher Förderer und Hauptsammler wurde ab 1919 der Prager Industrielle Jindřich Waldes. 1921 zeigte die Pariser Galerie Povolozky Kupkas erste Einzelausstellung. 1931 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Künstlervereinigung Abstraction-Création, unter anderem mit Hans Arp, Albert Gleizes, Jean Hélion und Auguste Herbin. Einen Meilenstein für seine internationale Rezeption markierte 1936 Alfred H. Barr Jr., der Kupka in der wegweisenden Schau „Cubism and Abstract Art“ am Museum of Modern Art in New York als Pionier der ungegenständlichen Kunst verankerte. Nach 1945 zog sich der Künstler zunehmend in sein Atelier in Puteaux zurück und überführte seine frühen Entwürfe in eine radikale geometrische Spätphase. Öffentlich präsent blieb er dennoch: Bis zu seinem Lebensende stellte er regelmäßig im Salon des réalités nouvelles aus, dem zentralen Forum der abstrakten Kunst im Paris der Nachkriegszeit. Kupka starb am 24. Juni 1957 in Puteaux. Bereits im Jahr darauf würdigte ihn das Musée national d’art moderne in Paris mit einer Retrospektive.
Mit dem 1952 in seinem Atelier in Puteaux vollendeten Gemälde „Vibrantes“ gelangt František Kupka zur Quintessenz seines Spätwerks. In den Jahren des Rückzugs formulierte der Pionier der ungegenständlichen Malerei eine Synthese seiner lebenslang entwickelten Raum- und Farbtheorien. In Ludmila Vachtovás Monografie, elf Jahre nach Kupkas Tod publiziert, steht ein Ausdruck des Künstlers, der sich wie eine Selbstbeschreibung seines Spätstils liest: „eine Art malerischer Geometrie der Gedanken“. Zwar ist der Ausspruch nicht genau datiert, doch bei Kupka ist ohnehin alles mit allem verbunden. Nicht nur reichen die Wurzeln der Bildidee von „Vibrantes“ tief in Kupkas frühe Pioniertage zurück; der Künstler zielte auch zeitlebens darauf, den gesamten Kosmos in seine Malerei zu bannen. John Russell, ein Kunstkritiker der „New York Times“, beobachtete dies 1975 anlässlich der ersten großen US-Retrospektive im New Yorker Guggenheim: „Kupka tried to get the whole history of the universe into his paintings.“ Dabei ging es Kupka nicht darum, die Bewegung der äußeren Welt ins Bild zu überführen, wie es in seinen Augen etwa die Futuristen versuchten. Sondern es ging darum, eine eigenbildliche Bewegung zu erfinden. In einem Brief an seinen Freund, den Wiener Kunstkritiker Arthur Roessler, schrieb Kupka bereits 1913: „Wir müssen völlig neu anfangen. […] Wenn wir eine Linie ziehen, einen Punkt setzen, sollte er so passend im Raum sitzen, dass man den Eindruck hat, es sei ein Ereignis […] Dasselbe gilt für die Farbe.“
Genau dieses Ereignis von Form und Farbe wird in Kupkas „Vibrantes“ meisterhaft angestoßen. Während das ziemlich genau vierzig Jahre früher gemalte „Fugue“ eine Bewegung des Wirbelns erzeugt, spielt das spätere Bild mit Vibrationen. Der pastos-kreidige, nuancierte Weißgrund und die kantig klaren, aber mit freier Hand gezogenen schwarzen Balken und Farbfelder erzeugen eine Schwingung, die dem Werk seinen programmatischen Titel gibt. Hier, wo sich Linien und wolkig getupfte Flächen berühren, entsteht der Kosmos von Kupkas Kunst. In jungen Jahren hatten ihn lebensreformerische und theosophische Ideen geprägt, etwa im Wiener Umfeld von Karl Wilhelm Diefenbach. Man sieht das noch stark bei „Plans par couleurs, grand nu“ und in seinen Durchbruchswerken „Amorpha – Fugue à deux couleurs“ und „Amorpha – Chromatique chaude“. Durch diese Bilder ordnete Guillaume Apollinaire ihn dem Orphismus zu, einer von Apollinaire selbst ausgerufenen neuen Strömung innerhalb der Avantgarde, die sich vom analytischen Kubismus Picassos und Braques abspaltete. Doch der war Kupka schon damals zu einfach, er wollte immer seinen eigenen Weg gehen.
In seinem Spätwerk spürt man eher nüchterne Metaphysik als Esoterik. Höhere Gesetzmäßigkeiten erkannte Kupka schon lange nicht nur im energetisch Schwingenden und Kosmischen, sondern in der mathematisch-geometrischen Raumordnung. Ganz konkret etwa in den Kathedralen der Gotik und in antiken griechischen Tempeln. Er schrieb, ebenfalls an seinen Freund Roessler, nur ein Jahr nach dem Durchbruch: „Betrachten Sie die dorischen, ja selbst die ionischen Tempel, und Ihr Puls steigt rhythmisch an, um Sie in eine gehobene, feierliche Stimmung zu versetzen.“
Vor Kupkas spätem Meisterwerk „Vibrantes“ dürfen alle Betrachtenden etwas vergleichbar Stimulierendes erleben, wenn sie sich in die Feinheiten dieser spätmodernen Malerei vertiefen. Nicht weniger als feierlich dürfte die Stimmung der tschechischen Sammlerin Meda Mládková gewesen sein, als sie Kupka 1956 in Paris kennenlernte. Mládková war nämlich so bewegt von diesem Künstler, dass sie bis zu ihrem Tod 2022 mehr als 200 seiner Werke zusammentrug – heute im Museum Kampa in Prag aufbewahrt und ausgestellt. Simon Elson
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